Brücke Mostar | Bildquelle: Nikolaus Neumaier/BR

Bosnien und Herzegowina "Genügend Leute, die wissen, wie es geht"

Stand: 21.11.2020 09:08 Uhr

25 Jahre nach Kriegsende ist die Stadt Mostar immer noch von einer unsichtbaren Grenze geteilt. Aber es gibt Hoffnung: Schritt für Schritt überwinden Bosnien und Herzegowina den Ethnonationalismus.

Von Srdjan Govedarica und Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

Auf den gestrigen Freitag hat Irma Baralja jahrelang gewartet. Erstmals nach zwölf Jahren finden in Mostar wieder Kommunalwahlen statt - Baralja hat das vor Gericht erstritten. Jetzt soll am 20. Dezember gewählt werden.

Die 36-jährige ehemalige Lehrerin tritt für die liberale, antinationalistische und multiethnische Partei "Naša Stranka", übersetzt "Unsere Partei", an. Sie will in den Stadtrat einziehen. Ihr Slogan "Mostar can" klingt ein bisschen wie Barack Obamas "Yes we can" und ist als Aufruf gedacht, gemeinsam die Zukunft zu gestalten - unabhängig, ob jemand als Bosniake, Serbe oder Kroate gilt.

Ihren Anhängern sagt Baralja: "Dieser Tag wird unsere Zukunft bestimmen. Uns steht der Kampf zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bevor. Ich bitte Euch, Bürger und Bürgerinnen von Mostar, meine Generation, gebt uns die Chance, damit wir alle zusammen einen Schritt in die Zukunft machen."

Was sie mit Vergangenheit meint, ist die Spaltung der Stadt. Nach wie vor verläuft eine unsichtbare Grenze durch die Stadt: Die Altstadt gilt als bosniakisch, die Stadtviertel gegenüber als kroatisch. Doch die Menschen in Mostar wollen die Trennung überwinden.

Irma Baralja | Bildquelle: Eldina Jasarevic /BR
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Wahlkampfauftakt in Mostar: Die 36-jährige Irma Baralja (rechts) hat erstritten, dass nach 12 Jahren erstmals wieder Kommunalwahlen stattfinden.

"Unsere Politiker mögen das, was sie jetzt haben"

Dass in Mostar so lange keine Lokalwahlen stattgefunden haben, hält Ivana Maric für geradezu symptomatisch für die Situation in Bosnien und Herzegowina. An der politischen Führung des Landes lässt die politische Analystin aus Sarajevo kein gutes Haar: "Nach zwölf Jahren setzen sie sich einfach an einen Tisch und sagen: 'OK, jetzt ist es in Ordnung, jetzt wählen wir in Mostar'. Jetzt wissen wir also, wer zwölf Jahre lang gebremst hat: die SDA und die HDZ."

Zusammen mit der serbischen SNDS gehören die bosniakische SDA und die kroatische HDZ zu den drei nationalistischen Parteien, die in Bosnien und Herzegowina seit Kriegsende vor 25 Jahren praktisch ununterbrochen regieren.

Kritiker werfen ihnen vor, ein noch in Kriegszeiten erprobtes System der Angst vor der jeweils anderen Volksgruppe zu konservieren und als Patentrezept für den politischen Machterhalt zu verwenden. Maric formuliert das so:

"Unsere Politiker mögen das, was sie jetzt haben. Sie müssen keine Ergebnisse liefern. Vor den Wahlen sorgen sie für Unruhe und sagen: 'Ihr müsst uns wählen, sonst werden die anderen euch vernichten.' Damit gewinnen sie Wahlen - und das ist das Problem. Sie wollen nichts ändern."

Ivana Maric | Bildquelle: Eldina Jasarevic/BR
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Politikanalystin Ivana Maric aus Sarajevo lässt kein gutes Haar an der politischen Führung des Landes.

Erste Schritte weg vom Ethnonationalismus

Am Ende zahlen die Bürgerinnen und Bürger die Zeche, sagt Maric. Das Ergebnis sind eine hohe Arbeitslosigkeit und eine auch im regionalen Vergleich unterentwickelte Infrastruktur. Hinzu kommen eine weitverbreitete Korruption, kontrollierte Medien und ein erlahmter EU-Integrationsprozess.

Viele bezeichnen Bosnien und Herzegowina als "failed state" - also als gescheiterten Staat. Maric widerspricht: "Wir können das sehr schnell ändern. Nur müssen wir lernen, anders zu wählen", meint sie. "Wir haben genügend Leute, die wissen, wie es geht. Das Problem ist nur, die Bürger zu überzeugen, dass sie für diese Leute abstimmen."

Bei den Kommunalwahlen in ganz Bosnien-Herzegowina Mitte November hat sich gezeigt, dass das möglich ist - zumindest teilweise: Die bisher vorherrschenden Parteien SDA, SNDS und HDZ blieben zwar landesweit in Führung, mussten aber besonders in den großen Städten des Landes empfindliche Wahlniederlagen einstecken. In der Hauptstadt Sarajevo etwa setzte sich ein bürgerliches Viererbündnis oppositioneller Parteien durch.

Im mehrheitlich von Bosniaken bewohnten Bezirk Sarajevo-Zentrum ist mit Srdjan Mandic ein Serbe zum Bezirksbürgermeister gewählt worden. Aus Sicht von Beobachtern ein wichtiger Schritt weg vom ethnonationalen Prinzip. Mandic selbst spricht sogar von einem Neuanfang für Bosnien und Herzegowina: "25 Jahre nach dem Daytoner Abkommen lebt Bosnien und Herzegowina im Elend und in der Dunkelheit - und vor allem junge Menschen verlassen das Land. Das hat uns die aktuelle Regierung eingebracht", konstatiert er. "Und alleine die Tatsache, dass Sarajevo-Zentrum jemanden mit dem Namen Srdjan Mandic gewählt hat, ist eine Ohrfeige für all jene, die behaupten, dass ein Zusammenleben unmöglich ist!"

Brücke Mostar | Bildquelle: Nikolaus Neumaier/BR
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Schülerinnen und Schüler einer multiethnischen Schule drehen auf der Brücke von Mostar ein Video für den Nationalfeiertag.

Mit dem Rad in die Zukunft

Die hasserfüllte Vergangenheit hinter sich lassen, dass will auch Toni Zorić. Er ist Präsident des Vereins "Hercegovina Bike". Diese Woche ist der 41-Jährige zusammen mit 24 anderen Fahrradfahren zu einer Tour in den Westen der Herzegowina aufgebrochen. Die Sportler radeln auch für ihre Zukunft. Sie lassen sich gerade zum Fahrradguide ausbilden. Die Idee: Bosnien-Herzegowina mit seinen malerischen Berg- und Flusslandschaften als Destination für Fahrradtouristen vermarkten.

"Das ist etwas, was ich mag, und ich richte mein Leben in diese Richtung aus. In dem Cyclotourismus und Radfahren sehe ich Zukunft", sagt Zorić. So sieht es auch Petar, ein 19-Jähriger aus der Ortschaft Trebinje. Er ist Serbe. Für ihn ist das friedliche Zusammenleben mit Bosniaken und Kroaten ganz normal: "Ich bin Mitglied der bosnisch-herzegowinischen Nationalmannschaft in Mountain Biking. Ich habe viele Freunde und Bekannte verschiedener Nationalitäten. Das ist für mich gar kein Problem", sagt er.

So wie Toni, Petar und Irma sehen es auch junge Schüler einer Schule in Mostar, die sich als multiethnisch versteht. An einem schönen Spätsommertag ziehen sie mit bosnischen Fahnen auf die berühmte Brücke von Mostar. Diese war im Krieg zerstört worden und wurde wieder aufgebaut. Jetzt ist sie ein Symbol des Zusammenlebens - und Schulleiter Semir Šejtanic sagt: "Die Brücke ist ein Symbol von Mostar und der ganzen Herzegowina, und die Brücke verbindet uns."

Nach zwölf Jahren erstmals wieder Kommunalwahlen in Mostar
Tagesthemen 23:30 Uhr, 21.11.2020, Nikolaus Neumaier, ARD Wien

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