Kämpfer der ISIS (Archivbild aus dem Januar 2014)

Vormarsch der Islamisten im Irak Präsident Maliki spricht von Verschwörung

Stand: 12.06.2014 09:21 Uhr

Die Lage im Nordirak ist chaotisch: Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht vor den ISIS-Kämpfern. Welche Städte die Islamisten wirklich kontrollieren, ist unklar. Doch ISIS kündigt bereits einen Marsch auf Bagdad an. Präsident Mailiki wirkt hilflos - und spricht von einer Verschwörung.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Das Staatsfernsehen berichtete, Regierungstruppen hätten die strategisch wichtigen Städte Baidschi und Tikrit zurückerobert. In anderen Medien hieß es, sie seien besetzt. So oder so: Dorf um Dorf; Stadt um Stadt - innerhalb weniger Tage haben militante Islamisten eine irakische Ortschaft nach der anderen überrannt.

Und die Zahl derer, die fliehen, steigt: An den Übergängen zwischen den arabisch-irakischen und den kurdisch-irakischen Grenzen sammeln sich die Menschen. Die Sicherheitskräfte der autonomen Region Irakisch-Kurdistan kontrollieren, wer ihr Gebiet betritt. Zu viel steht auf dem Spiel. Zu groß ist die Gefahr, dass Attentäter - getarnt als Flüchtlinge - versuchen in Erbil, Dohuk oder Sulemaniya Anschläge zu verüben, um auch den kurdischen Teil des Irak zu destabilisieren.

Mehrere Hunderttausend Menschen sollen sich auf der Flucht vor den militanten Islamisten befinden. Gestern hatten die Islamisten in der zweitgrößten Stadt des Irak, in Mossul kurzerhand auch ein türkisches Konsulat gestürmt; den Generalkonsul und Dutzende seiner Mitarbeiter und Sicherheitsleute als Geiseln genommen. Terror gegen Ausländer und Einheimischer gleichermaßen.

"Wir saßen im Haus und haben Schießereien und Explosionen gehört", berichtet eine ältere Frau. "Wir wussten erst gar nicht, was geschah und was diese Leute wollen." Sie wisse es auch immer noch nicht. "Wir haben unser Zuhause zurückgelassen - und ich bete zu Gott, dass er mich zu sich ruft, um endlich Ruhe zu finden."

Islamisten setzen Offensive im Nordirak fort
tagesthemen 22:15 Uhr, Thomas Aders, ARD Kairo

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Gottesstaat vom Mittelmeer bis zum Irak

Warum müssen die Menschen leiden? Der Name der Organisation, die die Kämpfer offenbar anführt, ist Programm: Auf Arabisch lautet er Daash, auf Deutsch ISIS. So oder so eine Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und in (Groß) Syrien". Damit sind neben Syrien auch Teile Jordaniens, Palästinas und Libanons gemeint. Das heißt: Die Organisation ISIS, die ein Ableger von Al Kaida ist, strebt einen Staat an, der vom Mittelmeer bis in den Irak reichen soll - und in dem ausschließlich islamische Gesetze herrschen. Diese sollen in ihrer konservativsten Auslegung angewandt werden - in etwa so, wie es die Taliban in Afghanistan vorgemacht haben.

Opfer einer Verschwörung?

Die irakischen Streitkräfte - ausgebildet und ausgerüstet noch von den einstigen amerikanischen Besatzern - haben dem offenbar wenig entgegenzusetzen. Viele Soldaten haben die Waffen gestreckt und sind ebenfalls unter den Flüchtlingen. Regierungschef Nouri al Maliki, der gleichzeitig auch das Amt des Verteidigungs- und des Innenministers bekleidet, macht eine hilflose Figur.

Gestern Abend erklärte er, dass die irakischen Sicherheitskräfte Opfer einer Verschwörung geworden seien: "Ich sage Verschwörung, weil die kleine Zahl von Al-Kaida- und ISIS-Leuten nicht allein gegen die Armee und die Polizei vorgehen konnten." Was sei passiert? Wie konnten die Einheiten zusammenbrechen?, fragt Maliki. Seine Antwort: Er kenne die Gründe, werde aber jetzt nicht die Namen derer nennen, die verantwortlich seien.

Vielmehr will Maliki jetzt das Land einen. Heute soll das irakische Parlament zusammentreten, um über die Forderung zu beraten, den Notstand zu verhängen. Damit hätte der Regierungschef mehr Befugnisse; könnte beispielsweise Ausgangssperren verhängen. Doch viele Iraker wollen Maliki gar keine weiteren Befugnisse zusprechen; sie fürchten, dass er sie nachher nicht wieder abgeben will. Allzu oft schon hat er sich als diktatorisch erwiesen; hat als Schiit die Sunniten seines Landes abgekanzelt. Und das wiederum hat die militanten Islamisten, die selbst sunnitisch sind, erst richtig stark gemacht.

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