Anwohner laufen durch die zerstörten Straßen von Mossul | Bildquelle: AFP

Anti-IS-Kampf in Mossul Viele zivile Opfer durch Luftangriffe?

Stand: 06.07.2017 09:55 Uhr

Seit Monaten beschießt die US-geführte Koalition IS-Stellungen in Mossul. Dabei gibt es laut den USA vergleichsweise wenige zivile Opfer. Doch die Realität sieht laut Kritikern anders aus. Das ARD-Magazin Monitor war in einer Krankenstation nahe der Front.

Von Nikolaus Steiner, WDR

Ahmad stöhnt nur noch, zum Schreien fehlt ihm die Kraft. Der 17-Jährige hat schwere Verbrennungen an beiden Beinen, seine Augen sind voller Blut. Ahmad sei Opfer eines Luftangriffs der US-geführten Koalition geworden, berichtet der irakische Helfer, der ihn gefunden hat. Zwei Tage harrte er trotz der Verletzungen zu Hause aus, zu groß sei die Angst gewesen, auf der Flucht von Kämpfern des "Islamischen Staat" erschossen zu werden.

Jetzt wird der Junge von deutschen Ärzten und Rettungsassistenten der Organisation Cadus behandelt. Die ehrenamtlichen Helfer haben einige hundert Meter von der Front entfernt in West-Mossul unter dem Schutz der irakischen Armee eine mobile Krankenstation aufgebaut. Bis zu dreißig schwerverletzte Soldaten und Zivilisten werden hier jeden Tag behandelt, darunter auch viele Kinder.

Auch die kleine Baldusa, etwa sechs Jahre alt: Sie hat eine Schrapnellverletzung am rechten Bein, die seit Tagen nicht behandelt wurde. Ihr Vater sei bei der Flucht von der IS erschossen, ihre Mutter bei einem Luftangriff getötet worden, erzählen irakische Helfer. Solche Schicksale erleben die deutschen Ärzte hier täglich.

Ein Kind wird ärztlich versorgt | Bildquelle: Ruben Neugebauer
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Sebastian Jünemann trägt ein zweijähriges Mädchen in einen Krankenwagen.

Ein Kind wird ärztlich versorgt | Bildquelle: Ruben Neugebauer
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Genaue Opferzahlen kennt niemand - aber die offiziellen dürften untertrieben sein.

Wer ist für zivile Opfer verantwortlich?

Die Zivilisten in den umkämpften Gebieten stehen zwischen den Fronten: bedroht von den IS-Kämpfern, den Luftschlägen der Koalition ausgeliefert.

Oft könnten die deutschen Helfer nicht zuordnen, ob ein Angriff aus der Luft oder vom Boden erfolgt - und ob am Ende die US-geführte Koalition oder der IS für verletzte und tote Zivilisten verantwortlich sei, erklärt der Cadus-Leiter Sebastian Jünemann: "Der IS arbeitet sehr viel mit Snipern. Auf Seiten der irakischen Kräfte und auch bei Zivilisten sehen wir daher viele Schusswunden." Ein Großteil der Verletztungen entstehe auch durch Mörserbeschuss."

Und dann seien natürlich auch viele Patienten direkt von den Luftschlägen betroffen - durch die Explosionen selbst oder indirekt dadurch, dass Häuser zusammenstürzen und Menschen darunter begraben.   

Bomben auf Wohngebiete

Seit rund neun Monaten greift die US-geführte Koalition IS-Stellungen in Mossul an. Raketen, Bomben und Granaten werden dazu in dicht besiedelte Gebiete gefeuert, auch in solche, in denen die Islamisten die Zivilbevölkerung als Geiseln halten. Nach Angaben der US-Armee wurden seit Beginn der Offensive im Oktober 2016 insgesamt 28.631 Munitionstypen abgefeuert und 1525 Angriffe vom Boden und der Luft ausgeführt.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet, dass die eingesetzten Bomben seit Beginn der Offensive immer größer geworden seien und immer heftigere Explosionen verursachten. Um das zu belegen, hat die Organisation Satellitenaufnahmen eines Stadtteils in West-Mossul analysiert. Anhand der Kratergrößen zogen ihre Experten Rückschlüsse auf die Größe und Sprengkraft der eingesetzten Munition: "Wir sehen jetzt Hunderte von Kratern, die metertief sind", sagt Belkis Wille von Human Rights Watch.

Die US-Armee schreibt zu diesem Vorwurf, man bemühe sich immer, die Waffen "verhältnismäßig" einzusetzen.

Ein Kind wird ärztlich versorgt | Bildquelle: Ruben Neugebauer
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Oft könnten die Helfer nicht unterscheiden, woher die Verletzungen stammen, sagt Helfer Jünemann. (Alle Fotos: Ruben Neugebauer)

US-Koalition: 484 tote Zivilisten

Nach Angaben der US-Armee gibt es kaum zivile Opfer durch die Anti-IS-Koalition. Insgesamt seien in den vergangenen drei Jahren während der gesamten Operation "Inherent Resolve" in Syrien und im Irak "wahrscheinlich mindestens 484 Zivilisten" durch Koalitionsangriffe ums Leben gekommen.

Chris Woods hält diese Zahl für massiv untertrieben. Der britische Journalist hat deshalb die Organisation Airwars gegründet. Sein zehnköpfiges Team sammelt Tag und Nacht Informationen über zivile Opfer im Irak und in Syrien. Er schätzt, dass mindestens 4000 Zivilisten durch Angriffe im Rahmen der Operation umgekommen sind, viele davon in Mossul: "Für mich besteht überhaupt kein Zweifel, dass in der Schlacht um Mossul Tausende Zivilisten getötet worden sind - durch die Koalition und durch den IS."

Wie viele es genau sind, weiß niemand. Eines aber wird klar, wenn man die Mediziner in den Krankenstationen nahe der Front begleitet: Die offiziellen Zahlen zu zivilen Opfern dürften deutlich untertrieben sein.

Auf Luftangriffe verzichten

"Wenn wir wirklich Zivilisten schützen wollen, nachhaltig, dann geht das nur dadurch, dass wir mit dem Bombardieren aufhören", sagt Ulrich Scholz, der Oberstleutnant a.D. der Luftwaffe und ehemaliger NATO-Planungsstabsoffizier ist. Eine militärische Alternative wäre aus seiner Sicht, ausschließlich Bodentruppen einzusetzen und die Stadt erstmal abzuriegeln.

Aber das wird wohl nicht passieren. Die Kämpfe um Mossul gehen unvermindert weiter. Für die ehrenamtlichen deutschen Mediziner nahe der Front bedeutet das weiterhin: viel Arbeit.

Mehr zu dem Thema können Sie heute Abend um 22.00 Uhr bei Monitor im Ersten sehen.

Die Schlacht um Mossul
Nikolaus Steiner, WDR
06.07.2017 01:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Monitor am 06. Juli 2017 um 22:30 Uhr.

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