Sicherheitskräfte nehmen in Moskau einen Mann fest | Bildquelle: AFP

TV-Berichte über Proteste Die "Wahrheit" aus russischer Sicht

Stand: 09.08.2019 03:51 Uhr

Russlands staatsnahe Medien zeichnen ein ganz eigenes Bild der Proteste in Moskau. Sie vermitteln die Botschaft: Die Demonstrationen sind inhaltslos und die Teilnehmer sind Chaoten.

Von Oliver Soos, ARD-Studio Moskau

Das Kreml-treue russische Fernsehen verfolgt ein klares Ziel: Dem Zuschauer soll suggeriert werden, dass die Demonstrationen inhaltslos sind und oppositionellen Protestierer nichts weiter sind als Chaoten.

So beginnt auch der Bericht des Fernsehsenders "Perviy Kanal": "Selfies mit Polizisten im Hintergrund und Livestreams machen - für die meisten Demonstranten war das das Wichtigste."

Die Botschaft bleibt hängen

Im Bild sieht man allerdings keinen Demonstrationszug, in dem alle Selfies machen, sondern nur einen einzelnen Punk, der von Journalisten fotografiert wird. Doch die Botschaft bleibt hängen: Den Demonstranten geht es nicht wirklich um etwas.

Als nächstes werden exklusive Aufnahmen gezeigt, über die nur das Kreml-treue Fernsehen verfügt: Demonstranten, die Waffen dabei haben.

Russisches Fernsehen zeigt Waffen

Wir als ARD-Journalisten konnten mit den Demonstranten während ihrer Festnahme nicht sprechen und haben sie danach nicht mehr zu Gesicht bekommen. Im russischen Fernsehen geben sie vor dem Gefangenentransportern Interviews - neben ihren Waffen.

Im Fernsehbeitrag hört sich das so an: "Hier, ein 18-jähriger Arbeitsloser, der in Moskauer Zentrum herumlief mit einem Messer, mit Quarzhandschuhen und Pfefferspray." "Junge, sind das Ihre Sachen?" - "Ja" - "Warum haben Sie ein Messer dabei?" - "Fürs Training" - "Was haben Sie denn für ein Hobby?" - "Messerkampf." So geht der Beitrag weiter: "Dieser junge Mann hatte zwei Schreckschusspistolen dabei." - "Diese Gegenstände hatte ich heute eben einfach so dabei."

Keine Belege für Einsatz von Waffen

Dass bei den Demonstrationen in Moskau tatsächlich Waffen zum Einsatz kamen, darüber ist nichts bekannt. Der regierungskritische russische Internet-Fernsehsender Doschd hat für seine Sendung "Fake News" einen Mann getroffen, der auch mit einem Messer im Fernsehen gezeigt wurde. Sein Name ist Igor Peredentsew. Er berichtet, wie die Szene entstanden ist:

"Ich wurde von der Polizeikette gestoppt und festgenommen, weil ich mit einem Polizisten herumdiskutiert habe. Auf der Polizeistation saß ich neben einem Mann, der vom Grillen kam und in der U-Bahn festgenommen wurde, weil er ein Klappmesser dabei hatte. Plötzlich kommt das Kamerateam, fragt, was das für ein Messer ist, filmt uns beide und im Bericht heißt es, wir hätten zusammen dieses Messer mitgebracht. Wenn das mein Messer gewesen wäre, hätte ich doch die Polizeistation so schnell nicht verlassen."

Vorgehen der Polizei wird verschleiert

Das staatstreue russische Fernsehen verschleiert, dass die Polizei bei den Demonstrationen der Opposition hart durchgreift und hunderte Demonstranten festnimmt, nur auf Grund der Tatsache, dass sie an einer nicht mit der Stadt abgestimmten Protest-Veranstaltung teilnehmen.

Demonstrantin hält Plakat hoch | Bildquelle: AP
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Demonstranten wurden in Moskau auch festgenommen, weil sie wie diese Frau Plakate hochhielten.

Ausländische Medien kritisieren, dass Menschen festgenommen werden, nur weil sie ein Plakat hochhalten oder etwas skandieren. Das russische Fernsehen zeigt mit dem Finger auf andere, in diesem Fall auf Frankreich. Dort seien die Behörden viel härter gegen die Gelbwesten vorgegangen. "Dort haben sie Tränengas, Gummigeschoße und Wasserwerfer eingesetzt", heißt es im Fernsehbeitrag.

Was allerdings verschwiegen wird: Im Gegensatz zu den Moskauer Demonstranten haben die Gelbwesten Steine geschmissen, Schaufensterscheiben eingeschlagen und Geschäfte geplündert.

Die Propaganda zeigt ihre Wirkung. Die ARD-Sender werden in den sozialen Netzwerken zum Teil bombardiert mit Nachrichten, warum man verschweige, dass die Demonstranten in Moskau bewaffnet seien und warum man die russischen Behörden kritisiere, die französischen aber nicht.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. August 2019 um 23:15 Uhr.

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