(Symbolbild) | Bildquelle: dpa

Russland Moskaus Müllproblem

Stand: 18.05.2019 03:39 Uhr

Moskau versucht, seinen Abfall in eine Ortschaft im Norden Russlands zu exportieren. Anwohner laufen Sturm. Es ist eine Auseinandersetzung, die einem Kampf um eine grundlegende Müllreform gleichkommt.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Die Aktivisten stehen auch heute da. Auf dem großen Platz vor der Stadt- und der Gebietsverwaltung. Zu erkennen sind sie an ihren gelben Westen, auf denen rote Sticker prangen: ein sichtbares NEIN zu den Plänen, hier im hohen Norden Russlands Moskauer Müll zu verklappen.

Während der Rest der Stadt feiert, sammeln sie Unterschriften. Seit April protestieren sie jeden Tag - bei Wind und Wetter - gegen den Bau einer Müll-Deponie in Schijes, einem bewaldeten Sumpf und Trinkwasserschutzgebiet.

Millionen Tonnen Müll

3.000 Hektar Wald, erklärt der Aktivist und Abgeordnete Dmitrij Pilizin, sollen abgeholzt werden. Um Platz zu schaffen für Millionen Tonnen von geschreddertem, zusammengepresstem, unsortiertem Müll aus der russischen Hauptstadt:

"Jeden Tag werden Güterzüge mit Müll aus Moskau kommen. (…) Ja, sie versprechen uns, dass alles in Folie verpackt wird. Aber wir wissen doch, was passieren wird. Einiges wird schon beim Transport kaputt gehen. (…) Der Rest wird faulen. Gase entstehen. Unsere Gewässer werden verseucht."

Es drohe eine Umweltkatastrophe, sagt er kopfschüttelnd. Eine, die vergleichbar sei mit Tschernobyl. Denn im Gebiet rund um Schijes, wo die Deponie entstehen soll, entspringen viele kleine Flüsse. Über sie würden die Giftstoffe erst in die Nördliche Dwina, danach ins Weiße Meer und die Barentssee fließen. Der gesamte Norden wäre betroffen, betont der Aktivist Dmitrij Sekuschin:

"Für uns ist es eine Frage der Gesundheit. Es geht um das Leben unserer Kinder."

Alternative Fakten?

Es ist aber nicht nur die Sorge um ihre Zukunft, die die Menschen in den Gebieten Archangelsk und Komi umtreibt. Sie sind auch zutiefst empört, dass versucht wurde, heimlich Fakten zu schaffen.

"Im August haben sie angefangen zu bauen. (…) Erst hat man  abgestritten, dass da etwas passiere, das scheine nur so. Dann haben sie behauptet, es sei eine Holzverarbeitungsanlage, ein Sägewerk."

Im Oktober wurde dann das Investitionsprojekt Eko-Techno-Park Schijes vorgestellt. Mit vielen schönen Bildern, sagt Sekuschin sarkastisch. Mit Verweis auf neue Arbeitsplätze, gute Löhne.

Von Risiken keine Rede

Von Risiken war keine Rede. Es gab, kritisieren die Aktivisten, weder Anhörungen noch Umweltgutachten. Die Bewohner der umliegenden Dörfer gingen auf die Barrikaden. Andere folgten. Freiwillige blockieren seither die Baustelle. Sie versuchen zu verhindern, dass Benzin für die Baustellenfahrzeuge angeliefert werden kann.

Es gibt Massenproteste, an denen, wie die Veranstalter stolz berichten, auch Beamte, Unternehmer, Wissenschaftler und Künstler teilnehmen. Trotz Drucks von Seiten der Verwaltung. Trotz Festnahmen und hoher Geldstrafen

"Die Gesamtsumme beläuft sich auf eine Million Rubel. Wir haben fast die gesamte Summe innerhalb eines Monats gesammelt. Ohne Hilfe irgendwelcher politischer Organisationen. Ohne kommerzielle Sponsoren. Es ist ein breiter bürgerlicher Protest."

Für Sonntag sind neue Aktionen geplant. Auch wenn die Behörden mittlerweile Zugeständnisse gemacht haben. Die Arbeiten an der Baustelle sollen ab Mitte Juni ruhen, Experten befragt und Anwohner gehört werden.

Forderung nach Müllreform

Die Aktivisten wollen aber längst mehr, als nur das Projekt an sich stoppen. Sie fordern eine grundlegende Müllreform, so wie sie eigentlich gesetzlich vorgesehen ist:

"Trennung von Haushaltsabfällen, der Bau von Recyclinganlagen, Förderung von Mülltrennung schon im Kindergarten: das heißt Propaganda für eine zivilisierte Abfallwirtschaft."

Dass alles wäre machbar, sagt Tatjana, die gerade mitgeholfen hat, den Strand von Archangelsk von Müll zu säubern, wären da nicht die Interessen einiger Weniger.

"Wir alle sind uns darüber im Klaren, dass ein großer Oligarch gegen einen anderen Oligarchen kämpft, um das Recht, am Müll zu verdienen. Keine der regionalen Behörden ist wirklich daran interessiert, richtige Mülltrennung einzuführen."

Die Menschen aber, darauf legen die Aktivisten großen Wert, seien bereit, zu trennen. Etwas für die Umwelt zu tun. Auch wenn oft anderes behauptet werde.

Ein dreckiges Geschäft
Christina Nagel, ARD Moskau
18.05.2019 06:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2019 um 07:43 Uhr.

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