Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager in Moria in dem neuen Lager auf Lesbos. | REUTERS

Flüchtlinge auf Lesbos Bloß kein Moria 2

Stand: 23.09.2020 03:22 Uhr

Rund 10.000 Flüchtlinge sind inzwischen im neuen Lager auf Lesbos angekommen. Doch noch immer fehlt es am Nötigsten: Wasser, Essen, Betten. Hilfskräfte arbeiten mit Hochdruck - um ein zweites Moria zu verhindern.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Der Alltag ist zurück auf der Insel Lesbos. Die Landstraße nördlich der Inselhauptstadt Mytilini gehört wieder den Autos. Hier hatten noch bis zum vergangenen Freitag Tausende Flüchtlinge unter freiem Himmel schlafen müssen. Inzwischen aber sind sie alle im neuen, provisorischen Zeltlager einquartiert.

Thomas Bormann ARD-Studio Istanbul

In Rekordzeit haben Soldaten, Bauarbeiter und Mitglieder von Hilfsorganisationen eine Zeltstadt für 10.000 Menschen aufgebaut. Hilfe kam aus ganz Europa. Das Technische Hilfswerk aus Deutschland zum Beispiel hat 1400 Feldbetten geschickt. Im Zelt von Omid Alizadah und seiner Familie aber stehen noch keine Betten:

Nein, Betten gibt es nicht. Nur Laken und Decken. Viele schlafen also auf dem nackten Boden. Hier stehen nur Zelte - die Zelte haben keinen eigenen Boden, keine Bretter oder so etwas - und eben auch keine Betten.

Vieles im Lager bisher noch provisorisch

Omid Alizadeh meldet sich per Handy aus dem Lager. Er stammt aus Afghanistan, so wie die meisten Flüchtlinge auf Lesbos. Vieles im neuen Lager sei noch sehr provisorisch, sagt er, die Versorgung mit Essen sei schlecht; noch gebe es nicht genug Waschgelegenheiten; Wasserleitungen seien noch nicht verlegt. Dann fügt er hinzu: 

Aber ich will mich jetzt nicht nur beschweren, denn das Lager wurde ja extrem schnell aufgebaut. Uns wurde versprochen: Nächste Woche soll alles fertig sein. Die Behörden, die Hilfsorganisationen hier arbeiten wirklich hart daran. Also: Wir zählen darauf, dass die Versprechen eingehalten werden, und dass dieses Lager auch wirklich besser sein wird als Moria.

Nicht alle sind so verständnisvoll wie Omid Alizadeh aus Afghanistan. Die meisten Flüchtlinge wollen einfach nur weg von der Insel. Gleichzeitig ist die einheimische Bevölkerung von Lesbos strikt gegen das Lager, das nach wie vor ausgebaut wird.

Flüchtlingshilfswerk appelliert

Philippe Leclerc vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen appelliert bei seinem Besuch auf Lesbos: 

Wir bitten alle: die Flüchtlinge, die Gemeinden hier in der Nachbarschaft, die Behörden: Seien sie geduldig und effizient.

Ein Appell an alle, ruhig zu bleiben, aber mit anzupacken - um das Leben im Lager für die Flüchtlinge erträglich zu machen.

Brandstifter alle in Haft

Migrationsminister Mitarakis betont, dass die sechs mutmaßlichen Brandstifter von Moria nun alle in Untersuchungshaft sind - junge Männer, die selbst im Lager gelebt hatten. Sie werden ihre Strafe absitzen und dann ausgewiesen, so der Minister. Seine Botschaft: Wer kriminell wird, kann nicht mit Gnade rechnen. Den rund 10.000 Flüchtlingen im neuen Lager aber verspricht der Minister, ihre Asylverfahren jetzt zügig - innerhalb weniger Monate - zu Ende zu bringen.

Derweil sind etwa 250 Flüchtlinge positiv auf das Coronavirus getestet worden. Sie werden in einem abgetrennten Bereich des neuen Lagers isoliert. Die anderen Flüchtlinge dürfen jetzt tagsüber das Lager für Besorgungen oder auch für einen Spaziergang verlassen, sagt Omid, und fügt hinzu:

Noch ist es zu früh zu sagen: Dieses Lager ist schlecht. Wir werden sehr bald sehen, ob sie ihre Versprechen einhalten und dieses Lager besser wird.

Und es eben kein Moria 2 wird. 14 Tage nach dem Feuer in Moria, so scheint es, hat sich die Lage auf der Insel Lesbos etwas entspannt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. September 2020 um 09:00 Uhr.