Flüchtlingslager Kara Tepe | ARD-Sendung "Panorama"
Exklusiv

Brief an EU-Kommission "Selbst Tiere haben mehr Rechte"

Stand: 23.12.2020 05:35 Uhr

Geflüchtete aus dem Lager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos wenden sich in einem Brief an die EU-Kommission: Sie fordern Hilfe - und ein Recht auf Mitbestimmung, wie es in Moria galt.

Von Marilina Görz y Moratalla, SWR

Kurz vor Jahresende hat sich ein Großteil der Flüchtlinge auf Lesbos in einem "Weihnachtsbrief" an die europäische Öffentlichkeit gewandt. Darin üben sie harsche Kritik an der EU und an den verheerenden Zuständen im neuen Lager. "Selbst Tiere haben in der EU mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen als wir. Jeden Tag leben wir in Angst und Not", heißt es in dem Brief, der dem SWR vorliegt.

Wer krank sei, müsse mehrere Stunden in der Kälte auf eine medizinische Behandlung warten, es fehle immer noch an Heizungen, Strom, Wasser und Schutz vor Überschwemmungen, berichten die Menschen. Die Situation sei teilweise noch schlimmer als vor dem Brand in Moria. Das Schreiben soll noch heute der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen übergeben und bei der Hilfsorganisation medico international veröffentlicht werden.

Forderung nach Eigenorganisation und Wertschätzung

Hinter dem Brief stehen fast 5000 der mehr als 7000 im Übergangslager Kara Tepe lebenden Flüchtlinge. Initiiert haben den Aufruf der 45-jährige syrische Ingenieur Raed al-Obeed und der 30-jährige Apotheker Omid Deen Mohammed aus Afghanistan. Die beiden Männer hatten bereits gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen im abgebrannten Camp Moria dafür gesorgt, dass die Kinder Unterricht bekamen, dass die Müllabfuhr funktionierte und Flüchtlinge über das Coronavirus aufgeklärt wurden. "Im neuen Lager ist das nicht mehr möglich, dabei haben wir doch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir das können", steht dazu in dem Brief.

"Sollen wir warten, bis wir sterben, oder dürfen wir uns endlich um uns selbst kümmern, wenn es die EU schon nicht tut?", fragt al-Obeed rhetorisch im Gespräch mit dem SWR. Endlich als Partner ernst genommen werden und in Entscheidungen mit einbezogen werden, lautet daher die zentrale Forderung der Flüchtlinge im Lager an die EU.

Eine Familie hat vor dem Zelt in Kara Tepe Wäsche aufgehängt (Archivbild vom 14.10.2020). | AP

Eine Familie hat vor dem Zelt in Kara Tepe Wäsche aufgehängt (Archivbild vom 14.10.2020). Bild: AP

Nicht noch mehr Geld und Spenden

"Wir ersticken förmlich in gespendeten Jacken und Schuhen. Aber falls wie in Moria das Lager wieder brennen sollte, gibt es keine Feuerlöscher und nicht genügend Ärzte", beschreibt al-Obeed die dramatische Situation im Camp. In internationalen Medien hätten sie lesen können, wie viele Millionen an Spenden das Camp erhalten habe, schreiben die Flüchtlinge in ihrem Brief an die EU: "Wo ist das Geld geblieben? Warum kommt es nicht bei uns an?" Es könne nicht sein, dass Flüchtlinge von der Gunst der Hilfsorganisationen abhängig seien - zumal viele freiwillige Helfer aus Europa noch nicht einmal wüssten, wie man ein Rohr repariere.

Vor drei Monaten brannte das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ab. Seitdem sind Millionen an Spenden und Steuergeldern mobilisiert worden. Nach Informationen der EU-Kommission schickte diese rund fünf Millionen Euro an Hilfsgeldern für das Lager Kara Tepe. Die Bundesregierung stellte nach Angaben des Bundesinnenministeriums unmittelbar nach dem Brand zwei Millionen Euro für Personal und humanitäre Hilfsgüter zur Verfügung.

EU verspricht Heizungen in den Zelten und Duschen

Auf Anfrage des SWR hat die EU-Kommission angekündigt, noch in dieser Woche für Heizungen in den Zelten zu sorgen und warme Duschen in Betrieb zu nehmen. Darüber hinaus hat die EU bereits winterfeste Zelte aufgestellt und der Aufbau der Schutzmaßnahmen gegen Überflutungen steht kurz vor dem Abschluss. Die Lebensbedingungen im Übergangslager seien in der Tat immer noch schwierig, sagt eine Sprecherin der EU-Kommission. 

Bis Herbst 2021 will die EU gemeinsam mit griechischen Behörden ein neues Lager auf Lesbos errichten. Dazu wurde Anfang Dezember eine Absichtserklärung zwischen der EU, Griechenland und der europäischen Migrationsbehörden unterschrieben. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen versprach für anständige Bedingungen zu sorgen, aber auch die Gemeinden auf der griechischen Insel zu unterstützen.

Die Flüchtlingsorganisationen sorgen sich um die Stimmung im Lager. "Die Menschen sehen, dass Versprechen nicht gehalten werden und sind sehr verzweifelt. Das kann depressiv machen, aber auch aggressiv", sagt Thomas von der Osten-Sacken von dem lokalen griechischen Hilfswerk "Stand by me Lesbos". Im Winter sei die Hälfte des Lagers dauerhaft krank, viele wollten nur noch sterben. Unmut und Frustration würden wachsen - und dadurch könnten auch bedrohliche Situationen entstehen, warnt der Migrationsexperte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2020 um 09:00 Uhr.

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Moderation 23.12.2020 • 13:36 Uhr

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