Moria-Flüchtlinge in einem neuen temporären Lager | REUTERS

Flüchtlinge auf Lesbos "Sie tun uns leid, aber sie sollen gehen"

Stand: 16.09.2020 17:35 Uhr

Eine Woche nach dem Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria harren immer noch Tausende Migranten auf den Straßen aus. Die Zustände sind verheerend und die Akzeptanz der Inselbewohner schwindet.

Von Isabel Gotovac, ARD-Studio Istanbul

Eine Woche ist seit dem Brand im Flüchtlingslager Moria vergangen. Eine Woche, in der sich die Situation der Menschen aus dem Camp nicht verbessert hat. Seit Tagen harren sie ohne Obdach auf den Straßen aus. Darunter viele Familien mit Kindern.

"Sie sehen, in welcher Situation wir sind", erzählt Mostafa Bahadori. Er ist aus Afghanistan geflüchtet. "Wir können nirgendwo hin, es gibt keine Toilette. Es gibt nicht genug Wasser, kein Essen."

Ergebnis von Europas Versagen

Der Brand in Moria hat offengelegt, was schon lange im Argen liegt. Lesbos, Samos, Kos, Chios oder Leros - die Flüchtlingslager auf den fünf griechischen Inseln sind das Ergebnis von Europas Versagen.

Beispiel Moria: Ursprünglich war es für 3000 Flüchtlinge gebaut, zuletzt wohnten dort vier Mal so viele Menschen. Während die Migranten unter unmenschlichen Lebensbedingungen leiden, schwindet die Akzeptanz der Inselbewohner.

Furcht um Existenz

Nur wenige Meter neben dem neuen, vorläufigen Ersatzlager bei Kara Tepe sagt ein Cafebesitzer:

"Im Moment liegt das Problem gleich nebenan. Ich weiß nicht, ob das Lager dauerhaft oder nur vorübergehend sein wird. Ich hoffe nur, dass es etwas Nachhaltiges sein wird. Denn leider war das, was wir mit Moria hatten und was uns schon seit fünf Jahren begleitet, ohne Worte. Es war etwas, mit dem noch niemand zuvor konfrontiert war."

Viele wie er fürchten um ihre Existenz auf der Insel Lesbos. Ein anderer Bewohner erzählt: "Es ist traurig, aber wir können nichts tun. Einerseits tun sie uns leid, aber andererseits wollen wir, dass sie gehen."

Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz hält ein Kind auf dem Arm. | REUTERS

Die Bewohner protestieren, sie wollen dass die Flüchtlinge auf das Festland gebracht werden. Bild: REUTERS

Immer wieder zeigen die Inselbewohner ihren Protest mit ganz eigenen Forderungen, erklärt eine junge Griechin bei einer Demo gegen das neue Flüchtlingscamp auf Lesbos.

"Wir fordern, dass die Regierung hier und jetzt Schiffe chartert und alle Flüchtlinge und Migranten vorübergehend auf das Festland verlegt."

Regierung bleibt bei ihrem Kurs

Doch dieser Wunsch wird sich für sie und andere nicht erfüllen, die griechische Regierung bleibt bei ihrem Kurs: Sie will alle rund 12.000 Bewohner des abgebrannten Lagers Moria weiter vor Ort unterbringen und nicht auf das Festland bringen. Sie sollen in das vorläufige Zeltlager bei Kara Tepe, nur wenige Kilometer von der Inselhauptstadt Mytilini entfernt - so lange bis ein neues Flüchtlingscamp gebaut ist.

Gemeinsame europäische Verantwortung

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis erklärt: "Moria gehört jetzt der Vergangenheit an, wir müssen jetzt ein modernes Empfangs- und Identifikationszentrum in einem anderen Gebiet bauen, wie wir es bereits begonnen haben. Eine neue Einrichtung, in der die europäische und die griechische Flagge wehen müssen. Wir müssen die gemeinsame europäische Verantwortung nicht nur für den Bau, sondern auch für den Betrieb des Lagers in die Praxis umsetzen."

"Spürbare Solidarität aus Europa"

Mit seinem Amtsantritt schlägt Mitsotakis andere Töne an, er hat den Kurs in der Flüchtlingspolitik des Landes verschärft.

"Unter großen Schwierigkeiten hat die Regierung eine andere Migrations- und Flüchtlingspolitik umgesetzt, eine Politik, die die Grenzkontrollen verschärft, Asylantragsverfahren beschleunigt und auf der Ebene der Europäischen Union aktiv geworden ist. Wir wollen deutlich machen, dass Griechenland dieses Problem nicht allein bewältigen kann. Wir brauchen spürbare Solidarität aus Europa, nicht nur Worte der Solidarität."

"Uns unterstützt hier niemand"

Griechenland fühlt sich von Europa im Stich gelassen. Allein auf dem Festland leben nach Schätzungen 100.000 Migranten. Sie zu versorgen - damit hat die griechische Regierung ein Problem. 11.000 haben zuletzt Asyl bekommen. Hilfsangebote gibt es zwar, aber der Bedarf ist größer als das Angebot. Und so landen viele der anerkannten Flüchtlinge auf der Straße.

"Wir haben unser Leben aufs Spiel gesetzt, um hierher zu kommen", erzählt ein Flüchtling. "Als wir uns auf das Meer gewagt haben, wussten wir nicht, ob wir überleben oder sterben würden. Wir dachten, wir würden sterben. Wir überquerten die Grenze. Wir hatten gehört, dass hier die Menschenrechte respektiert werden, aber seit unserer Ankunft haben wir gesehen, dass uns in Wirklichkeit niemand unterstützt."

Die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln, sie fühlen sich verloren, vergessen. Und auch wenn es schon bald ein neues Flüchtlingscamp für die Obdachlosen von Moria geben wird - eins ist nach dem verheerenden Brand sicher: Es darf kein zweites Moria werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. September 2020 um 17:00 Uhr.