Shukran und Lida Shirzad vor ihrem Zelt im Lager Kara Tepe

Ein Jahr nach Moria-Brand Elend als Dauerzustand

Stand: 08.09.2021 00:09 Uhr

Vor einem Jahr brannte das berüchtigte Flüchtlingscamp in Moria ab. Zwar hat die EU viel Geld für den Bau eines neuen Lagers zur Verfügung gestellt - aber passiert ist bislang nichts.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Rom

Das Feuer brach mitten in der Nacht aus. In Panik ließen die Menschen alles stehen und liegen, um sich in Sicherheit zu bringen. Bei dem Brand im berüchtigten Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos wurden knapp 13.000 Menschen mit einem Schlag obdachlos.

Verena Schälter

Auch Shukran Shirzad und seine Frau Lida haben das Feuer miterlebt. Die beiden sitzen vor dem Zelt, das seit fast einem Jahr ihr Zuhause ist. Nach dem Brand wurden sie im provisorischen Lager in Kara Tepe untergebracht.

Kara Tepe: Interviews unerwünscht

Ein Interview mit den beiden ist hier unmöglich. Journalisten können sich im Camp nicht frei bewegen, sie werden bei jedem Schritt von der Polizei begleitet. Sobald sie ein Mikrofon sehen, greifen die Polizisten ein.

Doch Shukran Shirzad ist bereit, sich außerhalb des Camps zu treffen. Er und seine Frau seien Künstler, erzählt er. Mittlerweile seien sie schon zwei Jahre auf Lesbos. In Moria gab es eine Art Schule, dort hätten sie Malunterricht gegeben und mit ihren Schülerinnen und Schülern T-Shirts gestaltet. Aber das Feuer habe alles zerstört, sagt Shirzad: "250 Bilder und 150 T-Shirts, alles weg."

Blick auf das abgebrannte Flüchtlingslager Moria | DIMITRIS TOSIDIS/EPA-EFE/Shutter

Bild: DIMITRIS TOSIDIS/EPA-EFE/Shutter

Keine Zukunft in Afghanistan

Zwei Mal hätten er und seine Frau Asyl beantragt, beide Male sei ihr Antrag abgelehnt worden. Doch eine Rückkehr nach Afghanistan sei für sie keine Option. "Die Situation in Afghanistan ist schwierig wegen der Taliban, für meine Frau, aber auch für mich. Ich war Sänger in Kabul, jetzt male ich."

Er zeigt ein Video auf seinem Handy: Damals in Afghanistan nahm er sogar mal bei einer Castingshow teil. Aber für Leute wie ihn sei sein Heimatland kein guter Ort, sagt Shirzad. In Kara Tepe seien sie immerhin sicher.

Doch die Bedingungen im Camp sind schwierig - vor allem im Winter. Immerhin wurden mittlerweile einige Zelte durch Container ersetzt. Allerdings gibt es immer noch kaum Strom, keine Heizung. Und wenn es regnet, besteht die Gefahr, dass das Camp - wie im vergangen Winter häufig passiert - überflutet wird.

Viel Geld von der EU für neues Camp

Im Rathaus von Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos, weiß man um die Probleme. Dort hadert man allerdings weniger mit den katastrophalen Bedingungen im Camp als mit der Lage: zu nahe an der Stadt.

"Wir waren von Anfang an gegen die Errichtung dieses Camps", sagt Bürgermeister Stratis Kyteles. Es befinde sich mitten in bewohntem Gebiet und verursache eindeutig Sicherheits- und Hygieneprobleme - für die Einwanderer, aber auch für die Einheimischen.

Im vergangenen März hatte EU-Kommissarin Ylva Johansson die Insel besucht und der griechischen Regierung mehr als 155 Millionen Euro für den Bau von zwei neuen Lagern auf den Inseln Lesbos und Chios versprochen. Die griechische Regierung kündigte daraufhin an, das neue Lager auf Lesbos sei bis September fertiggestellt.

Flüchtlinge sollen unsichtbar werden

"Was das angeht, hat der Gemeinderat beschlossen, außerhalb des Wohngebiets eine geschlossene Struktur zu errichten", sagt Kyteles. Maximal 3000 "Gäste" sollen ihm zufolge dort untergebracht werden.

Grundsätzlich wolle man endlich das Image des Flüchtlingshotspots loswerden. Denn seit der Flüchtlingskrise sei der Tourismus drastisch eingebrochen. Doch die Geflüchteten in geschlossenen, gefängnisartigen Einrichtungen einfach wegzusperren, dagegen stellt sich die EU.

Etwa 30 Kilometer nordöstlich von Mytilini führt eine Schotterstraße tief in ein Waldgebiet hinein. Etwa 40 Minuten dauert die Fahrt von der Hauptstadt mitten ins Nirgendwo. Irgendwann erreicht man einen Bereich, der von Maschendraht umzäunt ist. Vögel kreisen über dem Gelände - es ist die Müllkippe von Lesbos.

Blick auf die Mülldeponie von Lesbos

Irgendwo nahe der Mülldeponie der Insel sollte das neue Lager längst entstanden sein. Noch ist aber nichts zu sehen.

Neues Camp neben der Mülldeponie

"Hinter der Mülldeponie. Da drüben gibt es eine Schlucht, aber die genaue Stelle kenne ich nicht", sagt Christos Tsivgoulis, Vorsitzender der kleinen Gemeinde Komi auf Lesbos, und zeigt auf den dichten, unberührten Wald. Spätestens jetzt ist offensichtlich: Die Bauarbeiten haben noch nicht einmal begonnen.

Tsivgoulis hofft, dass das auch so bleibt. Er ist dagegen, dass überhaupt ein neues Camp auf Lesbos errichtet wird: "Als die Migranten 2015 kamen, haben wir sie aufgenommen und ihnen mit allen Mitteln geholfen, wir alle. Aber jetzt sind die Leute müde, es kann so nicht weitergehen." Es müsse eine Lösung sowohl für die Flüchtlinge als auch für die lokale Bevölkerung gefunden werden, fordert er.

Doch die scheint nach all den Jahren immer noch in weiter Ferne. Grund ist nicht allein der Widerstand der lokalen Behörden, sondern auch die schwerfällige Bürokratie sowohl auf Seiten der EU, als auch auf Seiten der griechischen Regierung

Für die Geflüchteten auf Lesbos bedeutet das: Sie müssen sich wohl doch auf einen weiteren harten Winter im Lager Kara Tepe einrichten.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 08. September 2021 um 08:07 Uhr.