Flüchtlinge protestieren nach dem Brand im Lager von Moria. | Bildquelle: AFP

Nach Brand in Moria Kaum Hilfe in Sicht

Stand: 12.09.2020 03:44 Uhr

Unter den Flüchtlingen in Moria macht sich Verzweiflung breit. Die griechische Regierung müht sich um Notunterkünfte. Bewohner der Insel wollen kein neues Lager sehen. Und wo die Reise letztlich hingeht bleibt unklar.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Athen, zzt. Lesbos

Es war für Tausende Flüchtlinge die vierte Nacht in Folge unter freiem Himmel. Familien mit kleinen Kindern liegen auf Decken unter Olivenbäumen. Andere können vor Hunger kein Auge zudrücken. Denn die Nothilfe mit Trinkwasser und etwas zu essen erreicht nicht jeden Flüchtling.

Da war es sogar im elendigen Lager Moria besser, sagt Omid, ein 30-jähriger Familienvater aus Afghanistan: "Da musste man sich in die Schlange stellen fürs Essen, das war schlimm, das war völlig überlaufen. Aber es gab etwas zu essen. Und jetzt: nirgendwo eine zentrale Stelle, an der Essen verteilt wird. Wenn mal ein Lkw mit Essen hält, stürmen die Leute dorthin. Für jeden ist es hier schwer, etwas zu essen zu bekommen."

Explosive Stimmung im Lager Moria auf Lesbos
tagesthemen 21:45 Uhr, 11.09.2020, Peter Dalheimer, ARD Rom

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Griechische Regierung baut notdürftiges Lager

Die griechischen Behörden versprechen, die Hilfe bald besser in Griff zu haben. Zwei Kilometer entfernt vom abgebrannten Lager Moria lässt die Regierung gerade Wohnzelte aufstellen, auf einem ehemaligen militärischen Schießplatz. Das örtliche Internet-Portal "Sto Nisi" berichtet, hier sollen sehr bald 500 Zelte für je sechs Personen stehen. Dann wäre Platz für 3000 Flüchtlinge, aber es sind 12.000, die draußen auf Hilfe warten. 

Die Behörden müssen die Zeltplanen per Hubschrauber auf die Baustelle für das neue Lager einfliegen, denn auf der Straße würden sie nicht durchkommen. Überall, wo die Behörden Flüchtlinge unterbringen wollen, stellen sich Einheimische in den Weg und errichten Straßensperren. "Wir werden kein Lager mehr dulden auf unserer Insel“, sagt ein Mann mit Wut in der Stimme an einer Straßensperre mit quer gestellten Lkw. "Das geht nicht weiter so - die Insel ist unsere Insel, und wir schenken sie niemandem“, sagt er. Vor allem aber hat er Angst, dass Flüchtlinge das Corona-Virus verbreiten. 

Angst vor Verbreitung des Coronavirus

Von den 35 Flüchtlingen, die Anfang dieser Woche positiv auf Corona getestet wurden, sind die meisten immer noch untergetaucht, haben sich zwischen die anderen Flüchtlinge gemischt und womöglich schon einige angesteckt. Gerade auch wegen dieser Corona-Gefahr wollen die Einwohner von Lesbos keine neuen Lager vor ihrer Haustür.

Dass EU-Länder von den insgesamt 12.600 Flüchtlingen auf Lesbos nur 400 aufnehmen wollen, finden die Inselbewohner und auch die Flüchtlinge selbst enttäuschend. Sie alle hatten mehr erwartet. Schließlich hatten allein in Deutschland mehr als hundert Städte angeboten, Flüchtlinge aufzunehmen. Aber solche deutschen Alleingänge lehnt Bundesinnenminister Horst Seehofer nach wie vor ab. Stattdessen erklärte er gestern, 100 bis 150 minderjährige Flüchtlinge könnten nach Deutschland kommen. 

Das Ausharren geht weiter

Die Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, schüttelt darüber den Kopf. Sie ist derzeit auf Lesbos und betont, unter den obdachlosen Flüchtlingen dort seien 4000 Kinder: 

"Diesen 4000 Kindern muss jetzt geholfen werden. Und deswegen finde ich es nicht einmal eine Geste, diese 150, sondern das ist, für mich jedenfalls, etwas, wo ich sage: Als Deutsche schäme ich mich dafür, dass nicht ganz klar ist: die Bereitschaft, die da ist, die wird auch genutzt."

Nein, die Flüchtlingsfamilien auf Lesbos können vorerst nicht damit rechnen, nach Deutschland oder in andere EU-Länder ausgeflogen zu werden. Sie müssen weiter ausharren auf Lesbos, vorerst unter freiem Himmel. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. September 2020 um 21:45 Uhr. Zudem berichtete über dieses Thema Deutschlandfunk am 12. September 2020 um 06:11 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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