Interview

Eine Frau läuft mit einem Baby auf dem Arm vor einem Feuer um das Lager Moria davon, im Hintergrund griechische Polizisten (Foto vom 12.09.2020). | Bildquelle: AP

Nach Brand in Moria "Hetzjagd auf Flüchtlinge und Migranten"

Stand: 14.09.2020 20:26 Uhr

"Mehr ein Gefängnis als ein Lager" seien die neuen Zelte auf Lesbos, sagt ein Mitarbeiter von "Mission Lifeline". Er berichtet von mangelnder Versorgung, rechter Hatz auf Migranten und Polizisten, die dabei zusehen.

tagesschau.de: Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Nikolas Fischer: Zum Teil halten sich die Menschen noch vor dem alten abgebrannten Lager auf. Der Großteil befindet sich aber zwischen Moria und der Hauptstadt Mytilini. Dort gibt es einen großen Supermarkt. Und da sind gegenwärtig die meisten Flüchtlinge. Die Menschen sind einfach nur müde, hilflos und hoffnunglos. Sie sind weniger wütend und sauer, sondern unheimlich traurig. Sie werden wie Kriminelle behandelt und sie wissen nicht, wie's jetzt weitergeht.

tagesschau.de: Am Wochenende gab es Berichte über heftige Proteste auf Lesbos. Wer protestiert hier gegen wen?

Fischer: Proteste gibt es täglich. Die Menschen sind vehement dagegen, dass jetzt ein neues Lager errichtet wird. Dagegen protestieren auch Einheimische, die sich in dieser Sache ausnahmsweise mit den Flüchtlingen einig sind.

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Zur Person

Niklas Fischer ist seit 3,5 Monaten als Einsatzleiter für die Hilfsorganisation Mission Lifeline auf Lesbos.

tagesschau.de: Wie ist denn die konkrete Versorgungslage der Flüchtlinge?

Fischer: Im alten Lager Moria konnte man von einer katastrophalen Versorgungslage sprechen. Aber immerhin gab es vieles noch. Jetzt ist die Lage schlicht unbeschreiblich. Seit zwei Tagen wird hier Essen verteilt. Die Menschen stehen viele Stunden dafür an. Ein Flüchtling hat mir erzählt, dass er bei 35 Grad Hitze zwei Stunden für einen halben Liter Wasser für seine ganze Familie anstehen musste.

Es wird zu wenig und teilweise auch abgelaufenes Essen verteilt. Gestern musste die Essenverteilung abgebrochen werden, weil es zu Tumulten gekommen war. Es gibt keine sanitären Anlagen, keine Duschen, keine Toiletten. Die Menschen verrichten ihre Notdurft irgendwie und irgendwo. Die medizinische Versorgung ist auch nicht gewährleistet.

"Staat in Gestalt von Spezialeinheiten sichtbar"

tagesschau.de: Was tun die griechischen Behörden?

Fischer: Bislang ist der Staat in Gestalt von Spezialheinheiten der Polizei sichtbar. Im neuen Camp sind dann griechische Stellen für die medizinische Versorgung und die Verpflegung zuständig.

tagesschau.de: Jetzt wird ein neues Lager errichtet. Wie reagiert die Bevölkerung auf Lesbos darauf?

Fischer: Es gibt nach wie vor viele Einheimische, die helfen wollen. Aber die Zahl derer nimmt zu, die sauer darauf sind, dass sich seit fünf Jahren nichts wirklich verbessert. Leider steigert sich bei immer mehr Leuten die Wut so sehr, dass sie gewalttägig werden.

Es gibt von Faschisten veranstaltete Hetzjagden auf Flüchtlinge und Migranten. Die Polizei schreitet da auch nicht ein, die scheinen sich teilweise gut mit diesen Leuten zu verstehen.

tagesschau.de: Woran erkennt man diese Faschisten?

Fischer: Diese Leute sind hier in der Bevölkerung bekannt. Sie fahren auf Motorrädern mit Holzlatten und Baseballschlägern rum. Ich bin schon eine Weile hier und deshalb kenne ich die Gesichter dieser Leute mittlerweile. Die Stimmung ist insgesamt sehr gereizt, auch bei den Inselbewohnern.

Migranten appellieren auf Lesbos an die EU und Weltgemeinschaft: "Moria kills" steht auf einem der Plakate.
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Migranten appellieren auf Lesbos an die EU und Weltgemeinschaft: "Moria kills" steht auf einem der Plakate.

"Asylpolitik auf dem Rücken dieser Flüchtlinge"

tagesschau.de: Bislang wurden 35 Corona-Infektionsfälle unter den Flüchtlingen registriert. Wo sind diese Menschen jetzt?

Fischer: Einige von ihnen konnten ausfindig gemacht und in Quarantäne geschicht werden. Aber man kennt die tatsächliche Zahl an Infizierten nicht. Sie dürfte um ein Vielfaches höher sein, denn es ist ja lange Zeit gar nicht getestet worden. Aber Corona ist für die Flüchtlinge momentan eher ein geringeres Problem - jedenfalls sehen das viele so.

tagesschau.de: Welche Vorkehrungen werden im neuen Lager gegen eine Ausbreitung des Coronavirus getroffen?

Fischer: Momentan werden vor allem Frauen und Kinder aufgenommen. Sie müssen sich einem Corona-Test unterziehen und es wird Fieber gemessen. Dieses Lager ist umgeben von Stacheldraht. Wer einmal drin ist, kommt nicht mehr raus. Es ist eigentlich mehr ein Gefängnis als ein Lager. Ich glaube, es gibt kaum Flüchtlinge, die da freiwillig hineingehen.

Heute Morgen habe ich eine Frau gesprochen, die sollte von drei Polizisten da hineingezerrt werden. Sie hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, weil ihre Kinder noch irgendwo auf der Straße unterwegs waren. Die Menschen werden also auch mit Gewalt in dieses neue Lager geschafft.

tagesschau.de: Wie wird sich die Situation Ihrer Meinung nach entwickeln?

Fischer: Persönlich wünsche ich mir, dass alle NGOs hier überflüssig werden und die Insel verlassen können, weil die Flüchtlinge gut versorgt werden. Aber ich habe den Eindruck, dass hier ein abschreckendes Beispiel geschaffen worden ist. Die Menschen sollen zermürbt werden. Die ganze Asylpolitik wird auf dem Rücken dieser Flüchtlinge ausgetragen.

Mir kann niemand erzählen, dass man innterhalb einer Woche keine Grundvorsorgung sichern kann. Wenn in Deutschland eine Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern abbrennen würde, dann wäre eine Erstversorgung innerhalb eines Tages da. Griechenland mag nicht so gut organisiert sein wie Deutschland. Aber dass ganz Europa zuschaut und mit den lächerlich kleinen Zahlen darüber diskutiert, wie viele Menschen aufgenommen werden sollen, das ist unfassbar. Das Ganze hier dient der kompletten Abschreckung.

Die Fragen stellte Reinhard Baumgarten, SWR

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. September 2020 um 08:15 Uhr.

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