Sea-Watch: Flüchtlinge im Mittelmeer | Bildquelle: Johannes Moths /BR

Flucht über das Mittelmeer Wenn Retter nicht retten können

Stand: 18.04.2017 16:24 Uhr

Über Ostern versuchten tausende Flüchtlinge, über das Mittelmeer gen Westen zu gelangen. Rettungshelfer waren überfordert, gerieten selbst in Notsituationen. Doch auch unklare Zuständigkeiten und gegenseitige Vorwürfe erschweren ihren Einsatz.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Seit Tagen sind Flüchtlingshelfer auf dem Mittelmeer im Dauereinsatz und riskieren dabei ihr eigenes Leben. Ihre Schiffe sind derart überladen, dass sie zeitweise manövrierunfähig sind.

So geschehen bei zwei Rettungsbooten, die von deutschen Organisationen betrieben werden: Die "Juventa" der Hilfsorganisation "Jugend Rettet" und die "Sea-Eye" hatten mit mehreren hundert Menschen an Bord auf Unterstützung gewartet - lange Zeit vergeblich. Alle Schiffe, die sich am Wochenende im Kanal von Sizilien befanden, waren in Rettungseinsätzen gebunden. Auch die Küstenwache in Rom, die die Einsätze koordiniert, geriet an ihre Grenzen.

Und mitten im Notstand streiten die Beteiligten darüber, wer denn nun verantwortlich ist an dieser Situation. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex wirft den privaten Seenotrettungsdiensten vor, gemeinsame Sache mit den Schleppern in Libyen zu machen. Matteo Zevi, Einsatzleiter auf einem Schiff der deutschen Hilfsorganisation "Sea-Watch", widerspricht: "Wir versuchen nicht, die Menschen vom Strand abzuholen. Wir leisten Rettungsdienste in internationalen Gewässern, die ja von internationalen Autoritäten überwacht werden sollten. Und wir machen auch nicht die Arbeit der libyschen Küstenwache."

Retter auf Warteposition

In der vergangenen Woche wurde die "Sea-Watch" von der italienischen Küstenwache zu einem Rettungseinsatz in der Nähe der Küste Libyens gerufen. Das Problem: Das Boot in Seenot befand sich in libyschen Hoheitsgewässern - eine Grenze, die Rettungsboote ohne Erlaubnis der libyschen Küstenwache nicht überfahren dürfen. Für die Crew der "Sea-Watch" war laut Zevi klar: Sie müssen warten. "Etwas später am Tag haben wir herausgefunden, dass das Boot gesunken ist und vermutlich 100 Menschen ums Leben kamen. Das ist frustrierend für uns. Wir hätten helfen können, durften aber nicht", sagt Zevi.

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Bilder von der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer durch die Organsisation Seawatch (April 2017)

Sea-Watch: Flüchtlinge im Mittelmeer

Die Flüchtlingsboote sind meist völlig überladen. | Bildquelle: Johannes Moths /BR

Das Hauptproblem: Es gibt keine libysche Küstenwache, die für den gesamten Küstenabschnitt des Landes verantwortlich ist. Das Chaos, das in Libyen herrscht, setzt sich auf hoher See fort. Und die Helfer stellen fest, dass es gerade die chaotischen Zustände in Libyen sind, die viele Menschen zur Flucht zwingen.

Private Organisationen können Kritik nicht nachvollziehen

Michele Trainiti arbeitet für die "Ärzte ohne Grenzen" und erinnert sich an den Fall eines Flüchtlings: "Der Mann hatte dreimal versucht, über das Mittelmeer zu fliehen. Beim zweiten Mal wurde er gefangen genommen und in Libyen ins Gefängnis gesteckt. Er wurde mehrfach gefoltert und vor den anderen Mitgefangenen bestraft. Er hat physisch und psychisch enorm gelitten."

Für die privaten Hilfsorganisationen ist es angesichts solcher Fälle unverständlich, warum ihre Arbeit immer wieder infrage gestellt wird. Vor allem aber wollen sie das sinnlose Sterben auf dem Mittelmeer verhindern.

Vor genau zwei Jahren starben mehrere hundert  Menschen als ihr Schiff auf dem Weg nach Sizilien sank und keine professionellen Helfer in der Nähe waren.

Chaos im Mittelmeer: Überforderte Retter, unklare Strukturen
Tilmann Kleinjung, ARD Rom
18.04.2017 14:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. April 2017 um 12:45 Uhr in den Nachrichten.

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