Aktivisten und Missbrauchsopfer bei einer Demonstration in Rom | Bildquelle: AFP

Anti-Missbrauchskonferenz Mit Laien gegen das Machtgefälle?

Stand: 10.03.2019 19:09 Uhr

Auch das Machtgefälle in der katholischen Kirche hat Missbrauch möglich gemacht. Kritiker wollen die Hierarchien reformieren und fordern etwa eine stärkere Einbindung von Nicht-Geistlichen.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O‘Malley, weiß, wovon er spricht. Sein Bistum war das erste, das vom Missbrauchsskandal massiv erschüttert wurde. 2002 war das, als bekannt wurde, dass ein Priester über Jahrzehnte Schulkinder sexuell missbraucht hat. 17 Jahre hat es gedauert, bis auch dem Rest der Kirche klar wurde: Das ist unser größtes Problem.

"Aus meiner Sicht gibt es für die Kirche in diesem Moment nichts Dringenderes, als zusammenzukommen und gemeinsam einen Weg dahin zu finden, was unsere wichtigste Aufgabe in diesem historischen Augenblick ist: der Schutz von Kindern und die Wiedergutmachung der Verbrechen und des Leidens, von dem so viele Kinder und verwundbare Erwachsene betroffen sind", sagt O'Malley.

Der Kampf gegen den Missbrauch in den eigenen Reihen ist eine, wenn nicht gar die Zukunftsfrage, die die katholische Kirche in diesen Tagen in Rom beantworten will. Nach zwei Tagen sei die Bischofskonferenz auf einem guten Weg, glaubt der Jesuit Bernd Hagenkord. "Ich glaube, die Leute, die hier versammelt sind, die wissen sehr wohl, worum es geht und wie groß der Druck ist, der berechtigterweise auf der Kirche lastet."

Machtgefälle fördert Missbrauch

Mit dem Missbrauchsskandal werden auch die großen Reformthemen in der katholischen Kirche diskutiert: Gewaltenteilung, Kontrolle von Macht, Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Der Missbrauchsskandal ist auch Folge eines Leitungsproblems - davon ist Hagenkord, leitender Redakteur des Papstsenders Vatican News, überzeugt. "Wir haben sowohl bei diesen Skandalen als auch bei den Finanzskandalen in Deutschland gemerkt, dass die Regierung der Kirche nicht modernen Kriterien entspricht", sagt er. "Dass Autorität nicht überprüft wird, sondern fast absolutistisch verstanden wird."

Das Machtgefälle fördert Missbrauch und dessen Vertuschung. "Wir leiden an einer Überhöhung von Ämtern", sagt Hagenkord. Er fordert eine Einbindung von Nicht-Geistlichen auf den verschiedenen Leitungsebenen der Kirche und das Ende einer kirchlichen Zweiklassengesellschaft: Hier die Bischöfe, dort die sogenannten Laien. "Das ist die große Anfrage an die Art und Weise, wie Kirche geleitet wird. Alle Gläubigen müssen involviert werden - sowohl in die Verantwortung als auch in die Überprüfung von Verantwortung und in Transparenz. Die gehören überall mit hinein. Da muss ein neues Leitungsmodell von Kirche hin. Das ist ein großes Reformthema."

"Nicht bloße Erfüllungsgehilfen"

Linda Ghisoni ist eine Frau, die für vatikanische Verhältnisse eine beachtliche Karriere gemacht hat. Die Theologin ist "Untersekretärin" in der Kurienabteilung für Laien und Familie und bringt den in Rom versammelten Bischöfen auf schonende Weise bei, dass ihre Machtfülle begrenzt gehört. "Die Laien sollen nicht bloße Erfüllungsgehilfen dessen sein, was von den Klerikern angeordnet wird", sagt sie. "Alle sind Diener auf diesem Weinberg, auf dem ein jeder seinen Beitrag leistet bei der vom Heiligen Geist geleiteten Entscheidungsfindung der Kirche."

Die Anti-Missbrauchskonferenz endet morgen mit einer Abschlussansprache des Papstes. Es wird spekuliert, dass Franziskus darin konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung des Missbrauchs von Minderjährigen ankündigt.

Die Bischofskonferenz und die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal
Tillmann Kleinjung, ARD Rom
23.02.2019 04:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 23. Februar 2019 um 07:05 Uhr.

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