Der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, hält den Murphy-Bericht in der Hand. Er fordert Aufklärung.

Missbrauchsskandal in Irland Die Geschichte einer schwierigen Aufarbeitung

Stand: 12.03.2010 15:34 Uhr

Sexuelle Verbrechen, Schläge und menschenverachtende Entwürdigungen waren in katholischen Heimen Irland jahrezehntelanger Alltag. Die ganze Wahrheit kam aber erst nach massivem Druck an die Öffentlichkeit.

Barbara Wesel ARD-Studio London

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkstudio London

Der Schlussbericht der staatlichen Untersuchungskommission über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern in katholischen Heimen und Schulen in Irland ist 3000 Seiten dick, und die Lektüre ist eine Qual. Detailliert wird darin aufgeführt, wie Hunderttausende von Kindern vor allem zwischen den 20er- und den 70er-Jahren auf furchtbarste Weise misshandelt, zur Arbeit geprügelt, unterernährt und missbraucht wurden. Es war ein Missbrauch von industriellem Ausmaß, so formulierten Mitglieder der Untersuchungskommission, ein Abgeordneter sprach sogar von Kinder-Konzentrationslagern.

Menschenverachtende und entwürdigende Behandlung

"Das Leid, das den Kinder zugegügt wurde ist unfassbar. Sie waren die verletzlichsten in der Gesellschaft, und alle guckten weg und ließen zu, dass ihre Leben zerstört wurden", sagte Maeve Lewis, die eine Opfergruppe leitet. Es hatte Jahrzehnte gedauert, bis Opferorganisationen genug politischen Druck entwickelten, dass der irische Staat die Vorwürfe systematisch untersuchte. Die Kommission, besetzt mit unter anderem Juristen und Pädagogen arbeitete neun Jahre lang an der detaillierten Untersuchung von 1000 Einzelfällen. Sie dokumentierte die menschenverachtende, entwürdigende Behandlung dieser der Kirche anvertrauten Kinder und stellte allein 500 Fälle von Missbrauch  im Einzelnen fest. Der irische Staat erklärte sich bereit, jedem der Opfer eine Entschädigung in Höhe von 65.000 Euro zu zahlen.

Der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, hält den Murphy-Bericht in der Hand. Er fordert Aufklärung.

Der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, hält den Murphy-Bericht in der Hand. Er fordert Aufklärung.

Kultur der Vertuschung und des Schweigens 

Aber die offizielle Feststellung ihres Leids war vielen der Opfer nicht genug - sie verlangten Konsequenzen, juristische und solche in der Hierarchie der Kirche selbst. Zwar wurden die Verbrechen durch den Report offen gelegt: Einer der beteiligten Orden hatte jedoch gerichtlich durchsetzen können, dass die Namen der Täter nicht genannt werden durften, obwohl sie bekannt waren. Einen Schritt weiter ging dann der Ende letzten Jahres veröffentliche zweite Bericht, der sogenannte "Murphy Report". Verfasst von einer Richterin, befasste er sich mit der jüngeren Vergangenheit und spezifisch Mißbrauchsfällen zwischen 1975 und 2004 im Bistum Dublin. Es wurde eine Kultur der Vertuschung und des Schweigens in der Diözese festgestellt. Pädophile Priester wurden einfach in die nächste Pfarrei oder die nächste Schule versetzt, wenn Vorwürfe laut wurden. Andrew Madden war einer der Betroffenen: "Seit ich zwölf Jahre alt war, wurde ich über mehrere Jahre missbraucht. Dann vertraute ich mich einem Lehrer an - später erfuhren wir, dass Pater  Payne in eine andere Pfarrei versetzt worden war.

Aufklärung erst nach massivem Druck

Vier Bischöfe mussten um die Jahreswende deswegen zurücktreten, der Papst äußerte sein Bedauern und sein Entsetzen. Der irische Außenminister bestellte den päpstlichen Nuntius in Dublin ein, um von ihm eine angemessene Behandlung der Untersuchungsergebnisse in der Kirchenhierarchie zu fordern. Mitte Februar schließlich wurden die irischen Bischöfe nach Rom einbestellt, zu Gesprächen im Vatikan, und wo es auch um Schadensbegrenzung ging: "Ich muss offen zugeben, dass die Kirche ernsthaft verwundet ist, dass wir in einer sehr ernsten Situation sind, und dass das der Kirche und ihrer Autorität als Verkünderin von Gottes Wort großer Schaden zugefügt wurde", sagte Bischof Josef Duffy anläßlich dieses Treffens. Jetzt müsse es darum gehen das Vertrauen in die Kirche wieder herzustellen. Aber das dürfte in Irland irreparabel zerstört sein. Und die Diskussion über die  Hintergründe dieser Taten hat erst begonnen.