Eine Puppe liegt auf einem Kinderbett, umgeben von Schatten. | Bildquelle: dpa

Sexueller Missbrauch Täterkreis Familie

Stand: 14.06.2017 12:36 Uhr

Seit mehr als einem Jahr bietet eine unabhängige Kommission Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs. Oft weisen ihre Schicksale Parallelen auf - und die reichen bis in den Kreis der engsten Vertrauten. Doch die Zukunft der Kommission als Anlaufstelle ist ungewiss.

Von Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Bei Tamara Luding war es der Stiefbruder. Als sie fünf oder sechs Jahre alt war, fing er an, das junge Mädchen sexuell zu missbrauchen. Jahrelang ging das so, bis endlich Ludings junge Schwester den Täter bei der Polizei anzeigte. Luding selber konnte lange Zeit nicht über die Taten sprechen, nur ein paar Freundinnen hatte sie sich anvertraut.

"Es war mir als Kind klar, wenn ich das Thema aufmache, wenn ich darüber spreche, dann wird diese Familie zerbrechen", erzählt sie und fügt an, auch wenn das vielleicht eine utopische Vorstellung gewesen sei, "da war einfach diese realistische Angst".

Ein offenes Ohr für Betroffene

Heute unterstützt Tamara Luding die Arbeit der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Seit Mai 2016 bietet diese Betroffenen ein offenes Ohr. Etwa 200 Missbrauchsopfer haben die Experten schon vertraulich angehört. Die professionelle Zuwendung und der Respekt vor ihrer Lebensgeschichte tue den Betroffenen gut, so die Kommission.

Im vergangenen Jahr habe man den Schwerpunkt vor allem auf den Missbrauch im familiären Umfeld gesetzt. Rund 70 Prozent der Betroffenen, die sich gemeldet haben, mussten sexuellen Missbrauch in der Familie oder im sozialen Umfeld erleben.

Dabei habe sich gezeigt, dass Kinder oft keine oder erst spät Hilfe bekämen. Zwar wüssten in vielen Fällen Familienangehörige von den Taten, gehandelt oder beschützt werde aber kaum. Für die Opfer selbst sei es deshalb schwierig, den Missbrauch zu verhindern. In den Anhörungen habe es viele Berichte gegeben, dass Opfern in der Kindheit aber auch später nicht geglaubt worden sei.

Mütter sind oft Mitwisser

Auch die Rolle der Mütter hat die Kommission in den Fokus gerückt. Demnach treten sie durchaus auch als Einzeltäterinnen auf. Meistens wissen sie aber von den Taten anderer. Das macht sie in den Augen der Kommission auch zu Unterstützerinnen des Missbrauchs.

Gründe dafür seien oft Abhängigkeiten, Rechtelosigkeit, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt in der Partnerschaft, aber auch die Sorge vor dem Verlust des Partners oder der gesamten Familie. Hilfe von außerhalb gebe es sehr selten, die Familie werde als Privatraum angesehen.

In den Anhörungen sei auch deutlich geworden, dass viele Menschen mehrfach betroffen sind. Viele Opfer erlebten sexuelle Gewalt durch verschiedene Täter oder Täterinnen, oftmals auch in verschiedenen Bereichen. So werde von Missbrauch in der Familie berichtet und von parallel oder später stattfindendem Missbrauch in Heim oder Schule. Auch anzutreffen seien Fälle, in denen zunächst der Großvater und später der Vater die Kinder sexuell missbraucht habe.

Zukunft der Kommission ungewiss

Rund 1000 Menschen haben sich inzwischen für eine vertrauliche Anhörung angemeldet. Das stellt die Kommission auch vor Probleme: Bisher ist ihre Finanzierung nur bis ins Jahr 2019 sichergestellt. Deshalb will sie zurzeit keine neuen Fälle annehmen. Man sei aber in Verhandlungen mit dem Familienministerium.

Trotzdem bleibt die Zukunft der Kommission ungewiss, weil durch die Bundestagswahl unklar sei, wie eine neue Regierung zu dem Thema stehe.

Nie mehr verstellen müssen

Tamara Luding gibt Betroffenen heute auch neben ihrer Arbeit für die Kommission Hilfestellung. Mit ihrem Verein "Schutzhöhle e.V." möchte sie Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen oder bedroht sind, eine sichere Anlaufstelle bieten. Für sie selber war es eine Befreiung, als ihre Schwester den Stiefbruder bei der Polizei angezeigte.

Seitdem habe sie sich vor ihrer Familie nie mehr verstellen müssen. "Ich habe nie mehr so tun müssen, als ob ich den Täter total toll fände." Diese Freiheit will Luding mit ihrer Erfahrung auch anderen Betroffenen ermöglichen.

Über dieses Thema berichteten am 14. Juni 2017 die tagesschau u.a. um 12:00 Uhr und NDR Info ab 13:00 Uhr im "Mittagsecho".

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