Polizisten in Minsk | AP

Gewalt in Belarus Polizisten schießen mit Blendgranaten

Stand: 25.10.2020 20:58 Uhr

Seit Wochen fordern Demonstranten in Belarus den Rücktritt von Präsident Lukaschenko. Doch der geht massiv gegen die Kritiker vor. Auch heute: Polizisten schossen mit Blendgranaten. Es gibt Berichte über Verletzte und Festnahmen.

Sonntag für Sonntag versammeln sich Zehntausende Menschen in Belarus auf der Straße. Sie fordern die Ablösung von Präsident Alexander Lukaschenko, dem sie Wahlfälschung vorwerfen. Seit Wochen geht die Staatsmacht massiv gegen die Demonstranten vor - so auch heute: Berichten in sozialen Netzwerken zufolge feuerten Polizisten Blend- und Lärmgranaten auf Demonstranten in der Hauptstadt Minsk. Auf Videos waren Schuss- und Explosionsgeräusche zu hören sowie Blitzlichtgewitter zu sehen. Augenzeugen berichteten im Nachrichtenkanal Telegram von mehreren Verletzten.

Berichte über Festnahmen

Das Innenministerium bestätigte den "Einsatz der Spezialmittel gegen gewaltbereite Demonstranten". Sie sollen zuvor eine Absperrung durchbrochen haben. Das Menschenrechtszentrum Wesna berichtete von mehr als 200 Festnahmen. In der Stadt Lida bestätigten die Behörden den Einsatz von Tränengas.

Insgesamt sollen laut Beobachtern mehr als 200.000 Menschen an den Protesten teilgenommen haben. Unabhängige Zahlen für die Demonstration gibt es nicht. Staatsmedien zeigen die Bilder mit den Massen gegen Lukaschenko nicht.

Innenstadt von Minsk abgeriegelt

Hundertschaften von Polizei und Militär hatten das Zentrum von Minsk abgeriegelt. Bewaffnete Uniformierte mit Sturmhauben bezogen Stellung, um die Sonntagsdemonstration zu verhindern. Die Behörden sperrten sämtliche Metrostationen im Zentrum, um den Zustrom von Menschen aus den Stadtteilen zu verhindern. Sie schalteten auch das mobile Hochgeschwindigkeitsinternet ab, damit sich die Menschen nicht zu Protesten verabreden können.

"Heute ist ein besonderer Tag", sagte die Bürgerrechtlerin Swetlana Tichanowskaja in ihrem Exil in der EU in einer Live-Schalte. Am Sonntag endet ihr Ultimatum an Lukaschenko: Die Demokratiebewegung fordert ein Ende der Polizeigewalt, die Freilassung aller politischen Gefangenen, den Rücktritt Lukaschenkos und eine Neuwahl. Sollten die Bedingungen der Demonstranten nicht erfüllt werden, wollen am Montag viele Menschen in Belarus streiken. "Der Weg wird nicht leicht sein", sagte Tichanowskaja. Den Angestellten im öffentlichen Dienst wird immer wieder offen mit Kündigung gedroht, wenn sie sich gegen Lukaschenko stellen. Analysten bezweifeln, dass Tichanowskaja wegen ihres Aufenthalts im Ausland viel bewegen kann.

Kritik und eine Warnung der USA

Seit der umstrittenen Präsidentenwahl am 9. August gibt es in der Ex-Sowjetrepublik Proteste, weil sich Lukaschenko nach 26 Jahren an der Macht mit rund 80 Prozent der Stimmen zum Sieger erklären ließ. Den Sieg beansprucht die Demokratiebewegung für Tichanowskaja. Die EU unterstützt Lukaschenkos Gegner und erkennt ihn nicht mehr als Präsidenten an. Unterstützung hat der 66-Jährige aus Russland.

Bei einem überraschenden Anruf bei Lukaschenko am Samstag forderte US-Außenminister Mike Pompeo die Freilassung politischer Gefangener, darunter ein US-Staatsbürger. Zugleich betonte er, dass die USA die Demokratiebewegung unterstützten. Die US-Botschaft in Minsk veröffentlichte angesichts der Polizeigewalt eine Sicherheitswarnung.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Oktober 2020 um 18:00 Uhr.