Hände eines geretteten Migranten strecken sich Richtung spanisches Festland bei der Einfahrt in den Hafen von Barcelona | Bildquelle: dpa

Minderjährige Migranten "Ihr Ziel ist immer Katalonien"

Stand: 10.12.2018 14:24 Uhr

Spanien ist für viele Migranten derzeit der Eingang in die EU. Unter ihnen sind Tausende unbegleitete Jugendliche. Warum wollen viele von ihnen zunächst nach Katalonien und welche Folgen hat das für die Region?

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

David Vázquez ist derzeit im Dauereinsatz. Der Sozialerzieher arbeitet für die Hilfsorganisation Caritas in Barcelona. Dort kümmert er sich um unbegleitete Minderjährige: "Schon im vergangenen Jahr waren die Zahlen alarmierend. Seit 2015 steigen die Zahlen enorm an, vor allem während des Sommers", berichtet Vázquez. "Es ist wie ein dauernder Lockruf aus Europa - zuletzt kamen 20, 30 Leute pro Tag in Barcelona an."

Er spricht von Minderjährigen, die wissen, dass sie nicht abgeschoben werden können. Minderjährige, mit denen Journalisten nicht sprechen dürfen - die spanischen Gesetze wollen es so. Mehr als 3300 von ihnen sind in diesem Jahr in Katalonien registriert worden - rund doppelt so viele wie 2017.

Vor allem Marokkaner kommen

Meist handelt es sich um männliche marokkanische Jugendliche. Die Behörden kämen kaum hinterher, erzählt Vázquez. "Es werden Gebäude als Unterkunft genutzt, die nicht dafür gedacht sind. In einer Schule sollten 30 Minderjährige ursprünglich zwei Tage lang übergangsweise untergebracht werden, bis sie in ein Aufnahmezentrum verbracht werden. In weniger als einem Monat waren es schon siebzig, statt zwei Tage blieben sie einen Monat dort", sagt Vázquez. Die Schule sei aus allen Nähten geplatzt. "Die Erzieher sind von dort geradezu weggerannt."

Weil sie sich in den Unterkünften nicht wohl fühlen, nehmen aber auch viele Jugendliche Reißaus. Sie schlafen lieber unter Brücken oder in leer stehenden Häusern als in überfüllten Räumen und unter den strengen Augen der Erzieher.

Migranten aus allen Schichten

Die Angekommenen stammten aus allen sozialen Schichten, sagt Vázquez. "Da sind junge Kerle drunter, die feste Zahnspangen tragen - so etwas kann sich hier in Katalonien nicht jeder erlauben. Sie sprechen per Videokonferenz mit ihrer Mutter, die gerade beim Friseur ist", berichtet er. "Das sind keine Armen - na gut, im Vergleich mit uns schon. Aber es kommen auch marokkanische Analphabeten vom Land ohne Schulbildung, die auf ein Abenteuer hoffen."

Viele träumen davon, reich und berühmt zu werden. Wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Die Fußballstars des FC Barcelona und anderer Top-Klubs seien für auffallend viele junge Marokkaner Idole, erzählt Vázquez.

Sozialarbeiterin Fatwa kennt die Gedankenwelt der jungen Migranten ziemlich gut. Die Marokkanerin ist Vertrauensperson bei der Caritas. Sie spricht die Sprache der Jugendlichen und kennt ihre Sorgen. "Viele sind ja noch Kinder. Sie geben sich als harte Burschen, mit denen man sich nicht anlegen sollte. Aber in Wirklichkeit dient das nur dazu, dass andere ihnen nicht nahekommen", sagt sie. "Hier fangen sie dann an zu weinen, nachts wollen mit ihrer Mutter sprechen und vermissen ihre Familie."

Straffällige Jugendliche prägen das Bild

Im Touristenviertel Barceloneta sehen die Anwohner vor allem die andere, die raue Seite. Ein paar junge Migranten haben sich dort in einem verwaisten Innenhof einquartiert. Manel Martínez vom Nachbarschaftsverein sagt, dass sie Ärger machen.

Manel Martínez vom Nachbarschaftsverein in Barcelona
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Es seien nur wenige, die Ärger stiften - doch die prägten das Bild, sagt Manel Martínez vom Nachbarschaftsverein in Barcelona.

"Einige von ihnen greifen Anwohner an. Sie berauben sie, verletzen sie zum Teil sogar. Vor vier Tagen wurde ein Mann angegriffen, als er gerade dabei war, sein Auto auszuladen", erzählt Martinez. "Ein Mädchen wurde von ihnen belästigt - und ein älterer Mann wurde angerempelt, sein Auto ausgeraubt, und die Jugendlichen hatten Messer gezogen."

Es seien nur wenige, die Ärger stiften, sagt Martínez. Aber die prägten leider das Bild. Martínez wählt seine Worte sorgfältig. Er möchte die jungen Marokkaner nicht alle in einen Topf werfen. Aber er sagt auch, dass einige Nachbarn nachts bestimmte Zonen des Viertels meiden. Die Polizei müsse vor allem jener habhaft werden, die die Jugendlichen zum Klauen anstiften.

Kriminalität in Barcelona deutlich gestiegen

Häuser im Touristenviertel Barceloneta
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Im Touristenviertel Barceloneta meiden manche Bewohner inzwischen nachts bestimmte Orte.

Bringen die Minderjährigen also die Kriminalität nach Katalonien? Tatsache ist, dass die Kriminalität in Barcelona innerhalb eines Jahres um 19 Prozent angestiegen ist. Mitarbeiter von Polizei und Justiz machen dafür die eingereisten Minderjährigen mitverantwortlich, wenn auch in einem geringen Maße.

"Wenn man davon ausgeht, dass vielleicht zehn Prozent der angekommenen Minderjährigen straffällig sind, aber statt 200 ganze 2000 ankommen - dann  ist es nur logisch, dass es auch mehr Straftäter gibt", sagt José Miguel Company von der Staatsanwaltschaft Barcelona. "Wir reden da aber in der Regel über Taschendiebstähle."

Leistungen als Anreize

Georgina Oliva von der Behörde für Jugendangelegenheiten der Regionalregierung von Katalonien
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Georgina Oliva will die Unterbringung aller jungen Migranten sicherstellen.

Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass so viele unbegleitete Minderjährige ausgerechnet nach Katalonien kommen. Schließlich erreicht die Mehrzahl von ihnen weit entfernt Europa: an der andalusischen Küste, von der Marokko teils noch nicht mal fünfzehn Kilometer weit entfernt ist. Aber nach wenigen Tagen verließen die jungen Migranten Andalusien, sagt Georgina Oliva, die die Behörde für Jugendangelegenheiten der Regionalregierung von Katalonien leitet. "Ihr Ziel ist immer - immer! – Katalonien oder, in geringerem Maße, das Baskenland.“

Olivas größte Sorge ist derzeit, all die Ankömmlinge unterzubringen. In den Notaufnahmezentren können sich die Kinder und Jugendlichen erst einmal duschen. Sie werden von Ärzten medizinisch und eventuell auch psychologisch untersucht, bekommen zu essen und zu trinken. Außerdem werden Identität und Alter der Migranten überprüft, bevor sie eine Unterkunft zugeteilt bekommen. Sozialarbeiter kümmern sich um sie.

Später können sie Hilfe bei der Berufsausbildung bekommen - und drei Jahre lang eine finanzielle Unterstützung von gut 600 Euro im Monat. In Spanien sind die Sozialleistungen nur im Baskenland ähnlich gut. Das weiß man auch in Marokko.

"Es kann sein, dass das Menschen animiert, zu uns zu kommen", sagt Oliva. "Sicherlich sind das Anreize, herzukommen. Aber selbst wenn das so ist: Wir werden bei der Qualität unserer Leistungen nicht um ein Jota nachgeben, sondern, im Gegenteil, versuchen, sie zu verbessern!"

Minderjährige sollen laut Gesetz bleiben

Willkommenskultur auf Katalanisch - die aber durchaus ihre Widersprüche hat. So können erwachsene Marokkaner rasch abgeschoben werden, wenn sie sich illegal aufhalten. Vor allem dann, wenn sie straffällig geworden sind. Minderjährige dagegen dürfen, ja: sollen in Spanien bleiben. So legt es das Ausländergesetz fest. Des Kindeswohls wegen, sagt Oliva.

Sie stellt sich daher darauf ein, dass der Großteil der Minderjährigen in Katalonien bleiben wird. Und sie glaubt den Experten, die davon ausgehen, dass im kommenden Jahr noch viel mehr ankommen werden.

Deswegen hat sie sich schon an die Arbeit gemacht, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Den Ankömmlingen soll es in ihrer neuen Heimat bestens gehen. "Wenn wir schon erwarten, dass mindestens 4000 Minderjährige ankommen, möchten wir auch 4000 Plätze für sie bereitgestellt haben, wenn sie ankommen", sagt die Behördenleiterin. "Wir wollen nicht erst dann reagieren, wenn sie da sind, sondern Plätze und spezielles Personal schon bereitstehen haben, damit ihnen auch auf schnellste Art und Weise geholfen werden kann."

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Dezember 2018 um 05:40 Uhr.

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