Soldaten marschieren bei der nachgeholten Parade zum "Tag des Sieges" über den Roten Platz in Moskau. | AFP

Militärparade in Moskau Viel Pomp und Pathos in Corona-Zeiten

Stand: 24.06.2020 09:33 Uhr

Es soll die größte Militärparade in der russischen Geschichte werden. Daran konnte auch die Corona-Krise wenig ändern. Für Präsident Putin geht es um mehr als nur um eine erfolgreiche Veranstaltung.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Seit Tagen schon bereitet sich die russische Hauptstadt auf den großen Tag der Parade vor. In nächtlichen Proben fahren Panzer und Raketenwerfer über den Roten Platz und Tausende Soldaten marschieren im Stechschritt, am Morgen donnern Flugzeuge in Formationen über den Köpfen der gerade wachwerdenden Bevölkerung. Noch mehr als sonst wird der Tag der Siegesparade im Zeichen der Vergangenheit stehen, historischen Uniformen und Fahnen.

Sabine Stöhr ARD-Studio Moskau

"Für uns Bürger Russlands ist die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg, an alle, die gekämpft haben und die gestorben sind, die für den Sieg gekämpft haben, absolut heilig", sagte Präsident Wladimir Putin im Vorfeld.

Die größte Parade der Geschichte

Es soll die größte Militärparade der Geschichte werden. Allerdings wegen Corona mit weniger Zuschauern und auf den Tag verschoben, an dem vor 75 Jahren die heimgekehrten Soldaten die erste Siegesparade liefen. Als Gäste angekündigt haben sich unter anderem Präsident Alexander Lukaschenko aus Belarus. Die deutsche Kanzlerin wird vom Botschafter vertreten. Die teilnehmenden, meist schon über 90-jährigen Veteranen waren zuvor in Quarantäne. Es ist der Preis, den sie zahlen, damit Putin ihnen wie immer die Hände schütteln kann.

Vize-Premierministerin Tatjana Golikowa beruhigt: "Erst als wir das Gefühl hatten, dass sich die Epidemie in Moskau zurückzieht und zurückziehen würde, haben wir uns dafür entschieden, dass es eine Siegesparade und eine Verfassungsabstimmung gibt."

Seit zwei Wochen sind Geschäfte wieder offen, gefolgt von Restaurants und Kindergärten - und auf der Moskwa schippern pünktlich die Ausflugsboote.

Der Bürgermeister warnt

Die Feierlichkeiten rund um die ruhmreiche Kriegsvergangenheit sind wohl die wichtigsten in diesem Jahr für die russische Führung. Trotzdem rät Bürgermeister Sergei Sobjanin Moskaus Einwohnern, die Parade und die Feierstimmung am besten zuhause am Fernseher zu verfolgen.

Denn in Moskau werden weiter täglich etwa 1000 Neuinfektionen gemeldet. Etwa 7500 sind es in ganz Russland. Zurzeit kämpfen Mediziner vor allem außerhalb der Zentren gegen das Virus. Viele Paraden dort wurden abgesagt.

Nicht so in Uljanovsk, einer 600.000-Einwohner-Stadt, zehn Autostunden östlich von Moskau. "Dies ist unsere Erinnerung, unsere Dankbarkeit an die heldenhaften Vorfahren, die für uns gekämpft und ihr Leben gegeben haben", wirbt eine Frau dort im regionalen Fernsehsender. Doch laut der aktuellen Umfrage einer unabhängigen Gruppe von Soziologen schauen etwa Dreiviertel der russischen Bevölkerung kritisch auf die Parade. Denn vor dem Hintergrund, dass in Corona-Zeiten zum Beispiel viele Kleinunternehmer in Russland für Essen anstehen müssen, sehen viele die Ausgaben nicht gerechtfertigt.

Aus Sicht der Führung sind sie aber wohl gut angelegtes Geld für Prunk und Pathos, mit denen Stolz und Werte des Landes nach vorne gekehrt werden sollen - und die Rolle von Präsident Putin darin als Garant für Stabilität und Sicherheit. So kann die morgen beginnende Abstimmung für die geplanten Verfassungsänderungen im richtigen Licht erscheinen: Gehen die Änderungen durch, sichern sie Putin zwei weitere Amtszeiten.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. Juni 2020 um 08:11 Uhr.