Milchpulver aus Soja wird in Shanghai (China) in einem Supermarkt zum Verkauf angeboten | Bildquelle: picture alliance / ZB

China nach Milchpulver-Skandal "Das Vertrauen ist weg"

Stand: 21.09.2018 11:00 Uhr

2008 wurde China von einem Skandal um verseuchtes Milchpulver erschüttert. Mindestens sechs Kinder starben, Hunderttausende Babys wurden krank. Auch heute sind die Folgen noch spürbar.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Während der Fußball-WM im Frühsommer läuft ein Werbespot des chinesischen Lebensmittelkonzerns Mengniu rauf und runter in China. Der argentinische Fußball-Star Lionel Messi wirbt darin für die Milchprodukte des Unternehmens. Mengniu ist außerdem einer der Top-Sponsoren der Fifa-Weltmeisterschaft. Die Botschaft, die die Firma im Jahr 2018 vermitteln will: Mengniu ist ein modernes Unternehmen mit hochwertigen Produkten für gesundheitsbewusste Verbraucher.

Folgenreichster Lebensmittelskandal Chinas

Vor zehn Jahren, im Herbst 2008, stehen Mengniu und andere Lebensmittelfirmen wie Sanlu und Shanghai Panda für etwas ganz anderes, nämlich für den wohl folgenreichsten Lebensmittelskandal in der Geschichte der Volksrepublik China. Mengniu ist eines von mehr als 20 Unternehmen, die 2008 verseuchte Milchprodukte in Umlauf bringen. Landesweit werden deswegen rund 300.000 Kleinkinder krank. Viele leiden unter gefährlichen Nierensteinen. Mindestens sechs Kinder sterben im Zuge des Skandals.

Ein Chinesin schaut in einem Supermarkt in Hefei auf eine Packung mit Milchpulver
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Das Vertrauen in chinesische Milchprodukte ist auf Null gesunken.

Vor einem Kinderkrankenhaus in Shanghai steht Mitte September 2008 eine verzweifelte Frau mit ihrer einjährigen Tochter im Arm: "Schon im August hatte sie ständig Fieber. Ich wusste nicht, was los ist mit ihr. Jetzt wird klar: Sie hatte damals schon alle Symptome, wollte ständig Wasser trinken und das, was sie in der Windel hatte, sah aus wie Sand. Ich hatte ja keine Ahnung, dass das mit ihrem Milchpulver zu tun hat."

Vertrauen sinkt auf Null

22 Lebensmittelfirmen bringen 2008 wochenlang völlig unbehelligt Milchpulver und andere Produkte in Umlauf, die mit Melamin gestreckt sind, mit einer Chemikalie also, aus der normalerweise Kunstharz gemacht wird. Wochenlang herrscht Panik unter chinesischen Eltern. Das Vertrauen in heimische Milchkonzerne sinkt auf Null. Der Skandal ruiniert das Image einer ganzen Branche.

Noch heute meiden viele Verbraucher in China heimische Milchprodukte. So wie Laura Wang, eine 35 Jahre alte Mutter aus Shanghai. Sie hat eine zweieinhalbjährige Tochter. Sie sagt, der Skandal damals habe sie überhaupt nicht betroffen. Heute sei sie selbst Mutter und chinesisches Milchpulver kaufe sie einfach nicht. Das gelte für alle in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis.

Milchpulver-Kauf möglichst im Ausland

Chinesische Eltern ernähren ihre Babys und Kleinkinder viel häufiger mit Milchpulver als Europäer. Es gilt als gesünder und praktischer als Muttermilch. Doch wer es sich irgendwie leisten kann in China, kauft seit dem Melamin-Skandal vor zehn Jahren möglichst Milchpulver von ausländischen Herstellern, online zum Beispiel. Und auch bei Auslandsreisen kaufen viele chinesische Touristen und Geschäftsreisende seitdem großzügig Milchpulver - als Mitbringsel. Auch in deutschen Drogeriemärkten ist dieses Phänomen regelmäßig zu beobachten.

Laura Wang erklärt: "Alle, die ich kenne, halten chinesisches Milchpulver für problematisch. Auch ich habe einfach kein Vertrauen. Ich werde das an meinem Kind auch nicht ausprobieren. Ich will bei der Gesundheit meiner Tochter kein Risiko eingehen. Wenn das Vertrauen einmal weg ist, ist das schwierig. Ich nutze deswegen nur importiertes Milchpulver."

Als Folge des Milchpulverskandals verlieren 2008 und 2009 zahlreiche verantwortliche Kontrolleure und Politiker ihren Job. Mehr als zehn Firmen-Manager landen im Gefängnis, einige lebenslang. Drei beteiligte Landwirte werden gar zum Tode verurteilt.

Nachfrage nach Milchpulver wächst

Die Nachfrage nach Milchpulver und anderer Babynahrung wächst in China seit Jahren konstant, zuletzt nach Angaben einer Marktforschungsfirma um rund elf Prozent pro Jahr. Vor allem europäsche Firmen wie Danone und Nestlé verdienen kräftig mit am Boom. Denn das Misstrauen chinesischer Verbraucher gegenüber heimischen Milchprodukten ist auch zehn Jahre nach dem Skandal immer noch groß.

10 Jahre nach Milchpulver-Skandal weiter Misstrauen
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
21.09.2018 09:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. September 2018 um 06:31 Uhr.

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