Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin nach dem Treffen in Calais | EPA

Nach Bootsunglück im Ärmelkanal Mit Luftüberwachung gegen die Schleuser

Stand: 29.11.2021 00:22 Uhr

Die EU-Staaten wollen härter gegen Schleuser im Ärmelkanal vorgehen. Von Mittwoch an soll ein Frontex-Flugzeug zur Luftüberwachung eingesetzt werden. Auslöser des Treffens war ein Bootsunglück, bei dem 27 Menschen ums Leben kamen.

Bei einem Krisentreffen zur Migration über den Ärmelkanal haben Frankreich, Belgien, die Niederlande und Deutschland einen härteren Kampf gegen Schleuser vereinbart. Großbritannien, das Ziel der mit kleinen Booten übersetzenden Flüchtlinge ist, wurde zur Schaffung legaler Migrationswege aufgerufen, sagte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin nach dem Treffen in Calais. Außerdem müsse Großbritannien die illegale Beschäftigung von Flüchtlingen erschweren.

Ein Flugzeug der EU-Grenzschutzagentur Frontex soll die Küsten von Frankreich, den Niederlanden und Belgien genauer überwachen. Die Maschine werde ab dem 1. Dezember den Einsatz aufnehmen, so Darmanin weiter. Zugleich betonte er die humanitäre Dimension. Es helfe nicht, die Flüchtlinge zu kriminalisieren, die französische Polizei wolle mit ihrem Einsatz an der Küste Leben retten.

Frankreich und Großbritannien wollen weiter beraten

Vor einigen Tagen waren im Ärmelkanal 27 Menschen auf dem Weg nach Großbritannien gestorben, weil ihr Boot kenterte. Der britische Premierminister Boris Johnson hatte daraufhin ein Abkommen mit Frankreich zur Rücknahme von Migranten gefordert. Frankreich reagierte empört und lud Großbritannien von dem jetzigen Treffen aus.

"Seit Beginn des Jahres haben unsere Polizisten 7800 Leben gerettet. 7800 Menschen, die Dank unseres Einsatzes nicht aufs Meer hinaus sind", so Darmanin. Nach Angaben des französischen Innenministeriums sind 1000 Polizisten zur Sicherung der britischen Grenze an der nordfranzösischen Küste im Einsatz. 1500 Schlepper wurden allein in diesem Jahr festgenommen.

Richtig ist aber auch: Die Zahl der Überfahrten von Frankreich nach Großbritannien hat sich binnen eines Jahres verdreifacht. Allein in diesem Jahr waren es rund 25000. Die Ursache liegt für Darmanin auf der Hand: "Die Flüchtlinge kommen doch hier nach Calais und riskieren die Überfahrt, weil sie in Großbritannien ohne Identitätsnachweis arbeiten dürfen. Aber auch, weil es in England keine Möglichkeit mehr gibt, Asyl zu beantragen."

Großbritannien ruft zur Zusammenarbeit auf

Darmanin betonte, er wolle weiter mit seiner britischen Amtskollegin Priti Patel beraten. "Wir wollen mit den Briten zusammenarbeiten, die Briten sind unsere Alliierten." Allerdings wolle Frankreich sich nicht zur Geisel der britischen Innenpolitik machen lassen, für die die Migrationspolitik gerade ein heißes Eisen ist.

Auch Patel rief erneut zur Zusammenarbeit auf. "Großbritannien kann dieses Problem nicht allein beheben, wir in Europa müssen uns alle mehr anstrengen, Verantwortung übernehmen und in der Krise zusammenarbeiten", erklärte sie. Sonst drohten "noch schlimmere Szenen im eiskalten Wasser" in den nächsten Monaten.

BBC zeigte Ausmaß der Tragödie im Ärmelkanal

Am Wochenende zeigte sich noch einmal das Ausmaß der Tragödie: Die BBC sprach mit Angehörigen einer der im Ärmelkanal verunglückten Frauen. Der Verlobte der 24-jährigen Maryam Nuri Mohamed Amin erzählte dem Sender, seine Partnerin habe ihm noch kurz vor ihrem Tod geschrieben, dass ihr Schlauchboot Luft verliere, aber Rettung auf dem Weg sei - letztlich kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Die junge Frau aus dem Irak hatte ihren Partner in Großbritannien überraschen wollen. "Als sie Kurdistan verließ, war sie sehr glücklich. Sie konnte es kaum glauben, dass sie ihren Verlobten treffen würde", erzählte ihre beste Freundin, Imann Hassan. "Sie wollte ein besseres Leben leben. Sie hat Großbritannien gewählt, aber sie ist gestorben."

Mit Informationen von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. November 2021 um 20:00 Uhr.