Stahlwerk in Clairton | Bildquelle: AFP

US-Kongresswahlen Mag der "Rostgürtel" Trump noch immer?

Stand: 06.11.2018 01:23 Uhr

"Rostgürtel" - so nennt man die Industrieregion im Nordosten der USA. Eine Hochburg der Demokraten - bis Trump kam und Zölle auf Stahl versprach. Wie ist die Stimmung jetzt vor den Kongresswahlen?

Eine Reportage von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

In der Stahlstadt Clairton, 20 Kilometer südöstlich von Pittsburgh, ist man mitten drin im "Rostgürtel" der USA. Aus den Schloten der größten Kokerei Nordamerikas schießen alle paar Minuten enorme Wasserdampf-Wolken in den Himmel von Pennsylvania. Hunderte Waggons mit Kohle kommen an, die hier zu Koks verarbeitet wird.

Früher 23.000 Einwohner - heute noch 6800

Dort, im Stahlwerk von US Steel, arbeitet der Bürgermeister von Clairton, Richard Lattanzi, als Sicherheitsinspektor. Das Schicksal seiner Heimatstadt ist typisch für die Strukturkrise im "Rostgürtel" Amerikas. "Wir haben 6800 Einwohner", erklärt Lattanzi. "In der Boomzeit in den 60er- und 70er-Jahren lebten hier 23.000. Damals hatten wir drei Banken und drei Supermärkte. Heute haben wir weder eine Bank noch einen Supermarkt."

Lattanzi ist Mitglied der Demokratischen Partei. Seit Jahrzehnten haben die Demokraten bei Wahlen in Clairton über 70 Prozent der Stimmen bekommen. Doch bei der Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren war alles anders. Donald Trump kam im Wahlkampf mehrfach in den Rostgürtel und versprach den Arbeitern: "Ich bin Eure Stimme!"

Richard Lattanzi  (Foto: Martin Ganslmeier)
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Der Bürgermeister der Stahlstadt Clairton, Richard Lattanzi. Der Demokrat freut sich über Trumps Zölle auf ausländischen Stahl.

Endlich sprudeln auch wieder die Steuereinnahmen

Hillary Clinton dagegen ließ sich kaum blicken, beklagt Bürgermeister Lattanzi. Als Demokrat falle es ihm schwer, das zu sagen: seit Trump Zölle auf ausländischen Stahl verhängt habe, gehe es Clairton viel besser. Die deutlich gestiegenen Stahl-Preise hätten die Gewinne der Stahlfabrik verdreifacht. Endlich sprudeln auch wieder die Steuereinnahmen.

Gerade hat der Bürgermeister ein neues Gewerbegebiet eingeweiht. "Wenn US Steel hübsche Gewinne einfährt, macht das meinen Job als Bürgermeister leichter. Und es hilft unseren Arbeiter-Familien." Ob tatsächlich etwas von den satten Gewinnen des Stahlunternehmens bei den Arbeitern ankommt, war bis vor kurzem unklar. Doch Mitte Oktober einigten sich Unternehmen und Gewerkschaft auf vier Prozent mehr Lohn in diesem Jahr.

Andere Unternehmen leiden unter hohen Stahlpreisen

Auch wenn die Stahlarbeiter von Trumps Zöllen profitieren, ist sich Darrin Kelly sicher, dass die Demokraten bei den Kongresswahlen am 6. November in Pennsylvania deutlich zulegen. Kelly ist Chef des Dachverbandes der Gewerkschaften in Pittsburgh und Umgebung. In seinem Bezirk gebe es 20 Mal so viele Beschäftigte in stahlverarbeitenden Unternehmen wie in den Stahlwerken: oftmals kleine und mittlere Betriebe, die nun unter den hohen Stahlpreisen leiden.

Außerdem, so Kelly, hätten die Menschen in Pennsylvania erkannt, dass Trump keine Politik für die kleinen Leute mache, sondern für Big Business: "Seine Politik hilft weder den Arbeitern noch ihren Rechten. Sie richtet sich gegen Frauen. Von seinen Steuersenkungen profitiert nur die Wirtschafts-Elite. Und wie finanziert er sie? Durch Kürzungen bei den Sozialleistungen. Die Mittelklasse wird darunter leiden."

Darrin Kelly (Foto: Martin Ganslmeier)
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Der Chef des Gewerkschaftsdachverbands in Pittsburgh, Darrin Kelly, glaubt, dass die Demokraten Pennsylvania mit einem Kurs der Mitte zurückerobern.

"Falsche Kandidatin zur falschen Zeit"

Hillary Clinton sei vor zwei Jahren die "falsche Kandidatin zur falschen Zeit mit der falschen Botschaft" gewesen. Nach dem Schock der Wahlniederlage hätten jedoch die Demokraten in Pennsylvania, Ohio und anderen Rostgürtel-Staaten aus den Fehlern von damals gelernt. "Wir müssen unsere Rechnungen bezahlen, unsere Kinder unterstützen. Wir brauchen eine gute Infrastruktur. Die Demokraten dürfen die Arbeiterfamilien nicht mehr vergessen."

Eine Politik der Mitte

Mit Unverständnis verfolgt der 42-Jährige die ideologischen Debatten in Washington. Und mit Sorge erfüllt ihn der Rechtsruck bei den Republikanern und der Linksruck bei den Demokraten: "Ich kann doch Demokrat sein und an ein starkes Militär und an Gott glauben. Und umgekehrt kann sich doch auch ein Republikaner um die Hilfsbedürftigen kümmern."

In Pennsylvania, Ohio und Wisconsin treten am 6. November viele Demokraten mit einer Politik der Mitte an. Ihnen geht es vor allem um Arbeitsplätze, Infrastruktur und Krankenversicherung. Nur so, da ist Gewerkschaftschef Kelly überzeugt, können die Demokraten Amerikas Rostgürtel wieder zurückerobern.

US-Wahl: Reue im Rost-Gürtel - Reportage aus Pennsylvanias Stahlrevier
Martin Ganslmeier, ARD Washington
06.11.2018 00:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. November 2018 um 04:43 Uhr.

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