Verwandte der 43 vermissten Studenten protestieren mit Bildern der Vermissten in Mexiko-Stadt. | Bildquelle: REUTERS

Verschwundene Studenten in Mexiko Sechs Jahre Suche nach der Wahrheit

Stand: 26.09.2020 03:59 Uhr

Vor sechs Jahren verschwanden in Mexiko 43 Studenten. Sie sollen von einem Drogenkartell ermordet worden sein. Die Eltern der Studenten zweifeln an den offiziellen Ermittlungsergebnissen.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Der 26. September darf nie vergessen werden!", skandieren mehrere Hundert Demonstranten. Sie haben sich vor dem Obersten Gerichtshof im Zentrum von Mexiko-Stadt versammelt: Eltern der 43 Studenten, Kommilitonen und Unterstützer, Menschenrechtsorganisationen. Die Mütter und Väter tragen die Bilder der Verschwundenen vor sich her. Darunter ist auch Clemente Rodríguez Moreno. Sein Sohn Christian Alfonso verschwand, da war er gerade 19 Jahre alt.

"Er war ein sehr fröhlicher Mensch, er hat gerne getanzt. Jeden Sonntag hat er an Folkloretänzen im Dorf teilgenommen. Auch sein Tanzlehrer wartet darauf, dass er zurückkommt. Seine Tanzschuhe bewahrt er auf. Ihr Sohn muss sie irgendwann abholen, hat er zu mir gesagt."

Neue Ermittlungsergebnisse

Auch sechs Jahre nach dem Verschwinden der 43 Studenten sucht Rodríguez immer noch nach seinem Sohn. Vor ein paar Monaten schien wieder Bewegung in den Fall zu kommen. Der Vater bekam eine Nachricht: Ein Knochen seines Sohnes sei gefunden worden. "Die Regierung und die Experten aus Argentinien haben die DNA-Untersuchung eines kleinen Knochens veranlasst. Es stellte sich heraus, dass das DNA zu 95% mit meiner, der meiner  Frau und der meiner Töchter übereinstimmt. Aber ich denke, eine Person kann mit einem Bein leben. Ein kleiner Knochen des rechten Beines beweist nichts, also werde ich auch nicht aufgeben", sagt er.

Er glaubt weiter fest daran, dass er seinen Sohn lebend wiedersehen wird. Der Knochen von Christian Alfonso wurde in einer Schlucht gefunden, 750 Meter weit weg von dem ursprünglich genannten Tatort. Der Fundort widerspricht den bisherigen Ermittlungen.

Das Drogenkartell Guerreros Unidos soll in der Nacht vom 26. September vor sechs Jahren in Komplizenschaft mit der örtlichen Polizei und dem korrupten Bürgermeister die 43 Lehramtsstudenten der Landuniveristät Ayotzinapa lebend auf einer Müllkippe verbrannt und ihre Reste in einen Fluss geworfen haben - so lautete damals die "historische Wahrheit".

Eltern mit Plakaten | Bildquelle: Anne Demmer
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Auch sechs Jahre nach dem Verschwinden der 43 Studenten gehen deren Eltern regelmäßig auf die Straße.

Eltern mit Plakaten | Bildquelle: Anne Demmer
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Das Schicksal der jungen Menschen müsse aufgeklärt werden und dürfe nicht in Vergessenheit geraten, fordern die Protestanten.

Rolle des Militärs unklar

Diese Version hat Clemente Rodríguez immer angezweifelt. Der damaligen Regierung von Enrique Pena Nieto wirft er Vertuschung vor - unter anderem die Beteiligung des Militärs betreffend.

Pena Nietos Nachfolger, Präsident Andrés Manuel López Obrador, hat die Ermittlungen in den letzten zwei Jahren unterstützt, eine Wahrheitskommission ins Leben gerufen. Die Justiz hat das Verbrechen neu aufgerollt. Dennoch gebe es viele offene Fragen, vor denen sich auch die aktuelle Regierung drücke, erklärt die mexikanische Menschenrechtsverteidigerin María Luisa Aguilar.

"Es ist sehr wichtig, dass die Generalstaatsanwaltschaft die Untersuchung von Mitgliedern der Armee fortsetzt. Sie waren ganz klar vor Ort als die Studenten angegriffen wurden, haben nicht eingegriffen und ihre Aussagen gefälscht. Die aktuelle Regierung hat der Armee sehr viel Macht übertragen. Uns ist also bewusst, dass es eine Herausforderung für den mexikanischen Staat ist, Mitgliedern des Militärs den Prozess zu machen."

Aber genau das fordert Clemente Rodríguez. Der Vater hat sich verändert. Die meiste Zeit widmet er - wie viel andere Eltern der 43 Studenten - der Suche nach seinem Sohn.

Auf der Straße wird er regelmäßig von Sicherheitskräften angesprochen, erzählt er. "Aber ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Es geht sie nichts an, wohin ich gehe und was ich mache." Wenn er angehalten werde, sage er nur: "Konzentriert euch besser darauf, dass das Volk in Ruhe leben kann und keine Menschen mehr verschwinden." Der Vater hält das Bild seines Sohnes hoch: "Ich bin zum Rebellen geworden."

Mexiko: Auf der Suche nach der Wahrheit – Sechs Jahre ohne die 43 Studenten
Anne Demmer, rbb
26.09.2020 07:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. September 2020 um 09:00 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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