Blick auf die Kathedrale in Tenochtitlan. | Anna Hanke

Azteken-Stadt fiel vor 500 Jahren Wer eroberte Tenochtitlán?

Stand: 13.08.2021 16:02 Uhr

In Mexiko jährt sich zum 500. Mal der Fall von Tenochtitlán, der Hauptstadt der Azteken. Historiker fragen, ob man von einer Eroberung durch die Spanier sprechen kann - denn die hatten zahlreiche indigene Verbündete.

Von Anna Hanke, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Proben am Zócalo, dem zentralen Platz im Zentrum von Mexiko-Stadt für eine Lichtshow. Seit Tagen finden hier schon Vorbereitungen statt für den großen Festakt: Vor 500 Jahren fiel die Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlán. Zur Erinnerung wird in der Mitte des Platzes ein riesiges Modell des Templo Mayor, der heiligen Stätte der Azteken, aufgebaut. Das Original stand wenige Meter weiter. Es wurde von den Spaniern zerstört, um mit den Steinen die Kathedrale von Mexiko-Stadt zu errichten - als Zeichen des Sieges des Christentums.

Rund um den Jahrestag werden Tausende traditionelle Tänzer tagelang auf dem Zócalo ihre Riten zeigen. Für Vertreter der indigenen Völker bedeutet der Fall von Tenochtitlán den Beginn des Widerstandes.

Itztli, mit spanischem Namen José Luis Hernández, ist einer der Tänzer, die fast immer neben der Kathedrale zu finden sind. Er sagt: "Der 12. August 1521 war der letzte Tag der Freiheit, der Selbstbestimmung unserer Völker. Am nächsten Tag eroberten die Spanier diese große Stadt Mexico-Tenochtitlán. Ab diesem Moment nahmen sie sich unser Territorium, unsere Freiheit, unsere Geschichte - um uns den Kolonialismus aufzudrücken."

Itztli steht mit einem traditionellen Weihrauchgefäß vor der Kathedrale in Tenochtitlan. | Anna Hanke

Itztli mit einem traditionellen Weihrauchgefäß Bild: Anna Hanke

"Conquista" wird hinterfragt

Der Fall von Tenochtitlán war für Mesoamerika, ein Gebiet, das vom heutigen Mexiko bis nach Costa Rica im Süden reicht, der Beginn einer neuen Ära.

Lange war von der "Conquista", der Eroberung, die Rede. Doch der Begriff wird unter Historikern in Mexiko zunehmend in Frage gestellt. Der Spanier Hernán Cortés hatte nur wenige hundert Soldaten bei sich, als er gegen die Hauptstadt der Azteken zog.

"Rebellion der von den Azteken unterworfenen Völkern"

Ohne fremde Unterstützung wäre Cortés nie so weit gekommen, erklärt Federico Navarrete, Historiker an der Nationalen Unabhängigen Universität von Mexiko: "Die Armee, die Mexico-Tenochtitlán eroberte, bestand zu 99 Prozent aus indigenen Kriegern und einem Prozent aus Spaniern. Es war also eine Rebellion der von den Azteken Mexikos unterworfenen Völker, ein Krieg der Völker Mesoamerikas gegen die Azteken", so Navarrete. "In ihren Expeditionen verbündeten sich die Spanier mit den indigenen Rebellen. Das alte Regime ging unter und das koloniale Regime begann."

Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador hat vor zwei Jahren vom spanischen König eine Entschuldigung für die bei der Eroberung geschehenen Ungerechtigkeiten gefordert. Auch die eigene Regierung müsse um Verzeihung bitten. Wenn man einer Umfrage glauben darf, denkt mehr als die Hälfte der Mexikaner, dass eine Entschuldigung Spaniens unnötig ist.

Entschuldigung von Mexikos Regierung?

Der Historiker Navarrete hält die Reaktion von Spanien, sich nicht einmal auf eine Diskussion einzulassen, für arrogant. Doch die Frage sei komplexer: "Für viele indigene Intellektuelle steht es der Regierung nicht an, eine Entschuldigung im Namen der indigenen Bevölkerung zu fordern, das ist Sache der indigenen Völker", so Navarrete. "Für sie wäre es wichtiger, dass die mexikanische Regierung sie um Verzeihung bittet für das, was sie ihnen in den letzten 200 Jahren - seit der Unabhängigkeit - angetan haben, als dass sich die spanische Regierung für die 300 vorhergegangenen Jahre entschuldigt."

Itztli wird mit rituellen Tänzen den 500. Jahrestag begehen. Bevor er zu seiner Gruppe zurückkehrt, zitiert er eine vorspanische Prophezeiung in seiner Sprache Nahuatl: "Solange die Welt existiert, werden Ruhm und Glanz von Mexico-Tenochtitlán nie untergehen."

Über dieses Thema berichtete SWR 2 am 13. August 2021 um 18:40 Uhr.