Frauen in Mexiko-Stadt | Bildquelle: AFP

Quarantäne in Mexiko "Mein Mann drohte, mich umzubringen"

Stand: 20.04.2020 08:19 Uhr

Bis zu 100 Prozent mehr Hilferufe erhalten Mexikos Anti-Gewalt-Hotlines seit der Quarantäne. Frauenhäuser fordern mehr Unterstützung der Regierung. Sie befürchten, dass die Gewalt weiter zunimmt.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

"Du bist nicht allein", heißt die Regierungskampagne gegen häusliche Gewalt, die in dieser Woche gestartet ist. Eingeblendet werden Telefonnummern für Notfälle, die es in der Coronakrise immer häufiger gibt. Je nach Bundesstaat ist die Zahl der Frauen, Mädchen und Kinder, die Hilfe suchen, seit der Quarantäne um bis zu 100 Prozent gestiegen.

Eine 26-Jährige, die anonym bleiben will, ist am Dienstag mit ihrem Baby vor ihrem gewalttätigen Ehemann weggelaufen:

"Seitdem es diese Krankheit gibt und wir nicht mehr rausgehen sollen, hat sich meine Situation verschlimmert. Mein Mann ist nicht mehr arbeiten gegangen und hatte deshalb ständig Gelegenheit, mich zu beschimpfen. Er sagte mir, dass er mich hasse, und drohte, mich umzubringen. Dass er mich die ganze Zeit zu Hause sehen musste, machte ihn sehr wütend."

Frauenhäuser als Fluchtorte

So wie die junge Mutter suchen immer mehr Zuflucht in Frauenhäusern. Davon gibt es 69 in dem 130-Millionen-Einwohner-Land. Die "puerta violeta", die lilafarbene Tür, ist für viele der Eintritt. Diese staatlich organisierten Anlaufstellen werden von Alicia Leal geleitet.

Wegen der Ausgangsbeschränkungen habe sich die Situation vieler Frauen verschlimmert: "Sie sind jetzt gezwungen, mit ihren gewalttätigen Partnern Zeit zu verbringen. Hinzu kommt der Druck durch die Enge vieler Behausungen, das Fehlen privater Räume, die Armut." Die Enge mache es den Frauen schwerer, Hilfe zu holen. "Wenn der Aggressor die ganze Zeit präsent ist, können sie keine Notfallhotline anrufen."

Viele Familien hätten zudem kein Geld für Lebensmittel und hungerten.

In vielen Fällen hätten Mütter berichtet, mit ihren Kindern in Abstellkammern eingesperrt gewesen zu sein, damit die Männer im Home-Office nicht gestört würden.

Demonstrantinnen protestieren gegen Gewalt gegen Frauen in Mexiko-Stadt, Mexiko | Bildquelle: dpa
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Demonstrantinnen protestieren auf dem Zocalo-Platz in Mexiko-Stadt. Im Durchschnitt werden jeden Tag zehn Frauen in Mexiko ermordet. (Archiv)

Doppel-Pandemie

Das Coronavirus wirke wie ein Verstärker der Probleme mexikanischer Frauen, meint Wendy Figueroa vom Netzwerk der Frauenhäuser:

"Angesichts der Doppel-Pandemie, die wir erleben - extreme Macho-Gewalt gegen Frauen und das Coronavirus, ist es wichtig, dass der Staat mit besonderen Strategien reagiert, die wirklich alle Frauen erreichen - sonst wird sich die Diskriminierung weiter verschärfen. Mexiko hat zwei Herausforderungen: Mit möglichst wenigen Toten die Coronakrise überstehen und dazu mit möglichst wenigen weiblichen Gewaltopfern."

Rund zehn Mordfälle pro Tag

Die Gewalt hat keine Quarantäne. Die Zahlen verdeutlichen das. Immer noch werden im Durchschnitt zehn bis elf Mexikanerinnen pro Tag ermordet. Der Staat reagiert auf die besondere Situation während der Ausgangsbeschränkungen bislang nur mit den Hotlines.

Aber nötig sei vor allem eine bessere Ausstattung der Frauenhäuser, meint Figueroa. Viele warteten immer noch auf ihre staatliche finanzielle Unterstützung für das laufende Jahr. Außerdem fordert sie temporäre Unterkünfte - etwa nach französischem Vorbild, wo Hotelzimmer, die ohnehin leer stehen, als Fluchtorte genutzt werden.

Quarantäne in Mexiko – Extremer Anstieg häuslicher Gewalt
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-City
20.04.2020 07:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. April 2020 um 08:02 Uhr.

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