Der Polizeichef von Mexiko-Stadt ist bei einem Angriff verletzt worden. Polizisten treffen am Tatort ein. | Bildquelle: dpa

Mexiko zwei Jahre nach der Wahl Hilflos gegen Angst und Terror

Stand: 01.07.2020 16:43 Uhr

"Umarmungen statt Schüsse" - mit diesem Slogan gewann Mexikos Präsident Obrador die Wahl. Zwei Jahre später hat er vor dem Terror der Kartelle kapituliert - der März war der blutigste Monat seit seinem Amtsantritt.

Von Anne Demmer, ARD-Büro Mexiko-Stadt

Es war Ende vergangener Woche, in den frühen Morgenstunden, als schwer bewaffnete Mitglieder des Kartells Jalisco Nueva Generación das Feuer auf den Wagen des Sicherheitsschefs in Mexiko-Stadt eröffneten. Auf einem Überwachungsvideo ist der Hergang der Attacke zu sehen. Das Kartell war mit 28 Mann angerückt.

In Lomas de Chapultepec, einem wohlhabenden Viertel, in dem auch viele Botschaftsmitarbeiter wohnen, blockierten sie die Straße, durchsiebten den Wagen von Omar García Harfuch mit Munition. Der Sicherheitschef wurde von drei Kugeln getroffen, doch er überlebte. Zwei seiner Leibwächter und eine Passantin starben.

Seitdem der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador im Amt ist, hätte diese Form der massiven Einschüchterung des Staates durch das organisierte Verbrechen zugenommen, sagt die Direktorin der mexikanischen Nichtregierungsorganisation "Mexiko - vereint gegen die Kriminalität", Lisa Sánchez. Die Situation eskaliere zunehmend. Polizisten würden ermordet.

"Im letzten Monat wurde ein Bundesrichter in Colima ermordet und jetzt hatten wir das Attentat auf den Sicherheitschef von Mexiko-Stadt. Das ist natürlich eine weitere Steigerung der Gewalt, die dazu dient den Staat einzuschüchtern. Diese Drohung richtet sich nicht nur an den Staat, sondern an alle Mexikaner. Es ist ganz klar, mit dieser Botschaft wollen einige kriminelle Organisationen ihre Macht demonstrieren."

Trotz dieser massiven Angriffe findet der mexikanische Präsident selbst wie so oft nur verhaltene Worte.

"Wir sind nicht feige. Wir werden Frieden erreichen mit Gerechtigkeit, mit einer aufrechten Haltung. Ich rufe alle dazu auf sich ordentlich zu verhalten - für eine bessere Gesellschaft."

Vor zwei Jahren wurde López Obrador zum mexikanischen Präsidenten gewählt. "Abrazos, no balazos - Umarmungen statt Schüsse", mit diesem Motto hatte er sein Amt angetreten. Eingelöst hat er dieses Versprechen nicht.

Im Gegenteil. Über ganze Regionen des Landes hat die Regierung mittlerweile die Kontrolle verloren - etwa in Guerrero, Michoacán, Veracruz. Mit 3000 Morden war der März dieses Jahres der blutigste Monat seit seinem Amtsantritt.

Mit Sozialmaßnahmen Kriminalität eindämmen

"Mit Sozialmaßnahmen und Präventionsprogrammen will der mexikanische Präsident die Kriminalität eindämmen", erklärt Falko Ernst, Mexiko-Experte der International Crisis Group. Jedoch fehle dem mexikanischen Präsidenten eine kohärente Strategie. Genau wie seine Vorgänger Enrique Pena Nieto und Felipe Calderón setze er am Ende mit der neu gegründeten Guardia Nacional - der Nationalgarde - auch auf das Militär.

Zudem haben kriminellen Gruppen ihre Tätigkeitsfelder ausgeweitet - neben dem Drogenhandel, setzen sie auf Menschenhandel, Schutzgelderpressungen, Benzindiebstahl. Die Strukturen der Kartelle sind unübersichtlicher geworden.

Waren es 2006 noch sechs große Kartelle, sind es laut International Crisis Group mittlerweile 198 kriminelle Gruppen, die in Mexiko aktiv sind und sich vor allen Dingen auf lokale Märkte konzentrieren. Deswegen sei es wichtig den Fokus auf die am stärksten betroffenen Regionen zu setzen, um die Gewalt einzudämmen, meint Ernst.

Eine Mammutaufgabe. Mit der durch die Pandemie drohende Wirtschaftskrise werden die Kartelle, die das schnelle Geld versprechen, für junge Menschen jedoch nur noch attraktiver.

Gewalt ohne Ende - Schüsse statt Küsse
Anne Demmer, ARD Mexico
01.07.2020 15:27 Uhr

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