Polizisten stehen hinter einer Absperrung in Mexiko-Stadt | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Mexiko "Die Gewalt hat keine Quarantäne"

Stand: 06.04.2020 10:55 Uhr

Auch Mexiko kämpft gegen das Coronavirus an - die Geschäfte sind geschlossen, die Menschen zu Hause. Und die Kriminalität? Ist unverändert hoch, beklagen Experten. Allein im März wurden 2585 Menschen ermordet.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Polizei und Nationalgarde schützen einige Supermärkte in Mexiko-Stadt und im Umland, weil es im März Plünderungen gab. Die Lage ist zwar unter Kontrolle, aber die Menschen fragen sich zunehmend, wie sich Gewalt und Kriminalität in der Corona-Krise entwickeln werden.

Gestohlen wurden nicht etwa Lebensmittel, sondern Flachbildschirme und anderes teures Gerät. Ob Verbrecherbanden dahinter stecken, die der Organisierten Kriminalität zuzurechnen sind, ist unklar.

Banden suchen sich andere Zweige

Guillermo Valdés, früherer Geheimdienstchef und Sicherheitsexperte, kann sich gut vorstellen, dass die kleinen Banden in der Corona-Krise auf andere Geschäftszweige ausweichen. Erpressung und Entführung werden schwieriger, wenn Geschäfte geschlossen und die Menschen zu Hause sind.

"Plünderungen und Diebstahl können eine Alternative sein", meint Valdés. "Wenn diese Situation länger anhält, könnte sich das auf das ganze Land ausdehnen. Es ist außerdem wahrscheinlich, dass der Diebstahl von Benzin zunimmt, weil das Benzin ja weiter durch die Pipelines fließt. Überfälle auf Warentransporte könnten auch zunehmen - auf Landstraßen und auf Züge -, um während der Quarantäne-Zeit einen Schwarzmarkt zu schaffen."

Weniger Einnahmen für Drogenkartelle

Das seien eher Betätigungsfelder kleiner Verbrecherbanden, so Valdés. Sie haben sich stark vermehrt, nachdem der mexikanische Staat den großen Kartellen im Jahr 2006 den Krieg erklärt hatte. 

Die Kartelle, die sich auf Drogenproduktion und -schmuggel in die USA spezialisiert haben, werden in der Corona-Krise weniger Geld einnehmen. Es ist schwieriger geworden, synthetische Drogen herzustellen, seit die Lieferung von dafür notwendigen Chemikalien aus China ins Stocken geraten ist. Aber hindern wird sie an ihren kriminellen Aktivitäten niemand.

Polizisten fahren Patrouille in Mexiko-Stadt | Bildquelle: AP
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Polizisten fahren Patrouille durch Mexiko-Stadt. Herr der Lage werden sie aber nicht, denn auch während der Corona-Krise ist die Kriminalität extrem hoch.

Kriminelle verschwinden in Krise nicht

Die neu geschaffene Nationalgarde kämpft jetzt gegen das Coronavirus und nicht gegen die Gewalt. 81.000 Mann sollen dafür eingesetzt werden. Eine wirksame Strategie des Staates sei nicht erkennbar, beklagt Sicherheitsexperte Valdés:

"Die Kriminellen werden in dieser Krise nicht verschwinden, und sie werden auch niemanden entlassen. Die Gewalt hängt nicht von der wirtschaftlichen Aktivität im Land ab. Sie kann weitergehen und schlimmer werden. Obwohl viele Menschen im März bereits zu Hause geblieben sind, die Schulen geschlossen wurden, ist die Zahl der Morde extrem hoch. Die Gewalt hat keine Quarantäne."

Im März wurden 2585 Menschen ermordet. In Mexiko ist das Virus der Gewalt tödlicher als das Coronavirus, textete ein Karikaturist in diesen Tagen. Den schwachen Rechtsstaat kann die Organisierte Kriminalität in der Corona-Krise noch besser ausnutzen.

Mexiko – Das Verbrechen in der Coronakrise
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
06.04.2020 09:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. April 2020 um 11:00 Uhr.

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