Familien und Freunde marschieren gegen geschlechtsspezifische Gewalt am Rande von Mexico City in Ecatepec.  | Bildquelle: dpa

Mexiko Der Aufstand der Frauen

Stand: 30.09.2019 12:02 Uhr

Seit Polizisten eine Jugendliche vergewaltigt haben sollen, gehen in Mexiko Frauen für ihre Rechte auf die Straße. Über die Proteste wird in den Medien berichtet, über die Gewalt gegen Frauen aber kaum.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Zehn Frauen werden in Mexiko jeden Tag ermordet. Die Täter bleiben fast immer straffrei. "Nicht eine mehr", skandieren die Demonstrantinnen. Vor allem junge Frauen gehen auf die Straße. Mit den Protesten begannen sie, als im Sommer vier Polizisten eine 17-Jährige in der Hauptstadt vergewaltigt haben sollen. Die Täter sollten damals nicht mal vom Dienst suspendiert werden.

Kein Einzelfall: Im laufenden Jahr wurden bereits 10.000 Vergewaltigungen in Mexiko angezeigt. Die Zahl der Frauenmorde ist in den letzten vier Jahren um 150 Prozent gestiegen.

Eine Frau verbrennt Werbeplakate an einer zerstörten Bushaltestelle am Rande der Frauen-Proteste. | Bildquelle: dpa
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Am Rande der Demonstrationen kommt es zu Vandalismus und Ausschreitungen. Darüber berichten Medien, nicht aber über die Gewalt an Frauen.

Kaum Konsequenzen für Männer

Immer wieder erhält der Protest neue Nahrung: Ein prominenter Regierungsfunktionär aus dem Bundesstaat Michoacán benutzte extrem herabwürdigende Begriffe für Frauen und erntete dafür einen Shitstorm. Die einzige Konsequenz war eine Rüge der staatlichen Antidiskriminierungsstelle Conapred. Dort versprach der Politiker, ein Verhaltensseminar zu absolvieren.

Adelina González, die das Gespräch mit ihm führte, kann nachvollziehen, warum er im Amt blieb. "Wenn man ihn entlassen würde, müsste man das auch mit vielen anderen Männern tun. Dann würden wir Frauen bald allein arbeiten." Seine Worte seien total daneben und beleidigend gewesen. "Das heißt nicht, dass wir damit leben müssen, sondern dass wir dieses Verhalten ändern müssen." Anderen Politikern sende der Vorfall die Nachricht, dass sie sich so nicht ausdrücken dürfen.

Kurse erklären den Machos, warum sie sich überlegen fühlen, zeigen die überkommenen Rollenbilder, die zur Gewalt gegen Frauen führen können - verbal oder körperlich.

"Radikal ist, dass du Angst haben musst"

Alejandra Haas
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Alejandra Haas freut sich, dass junge Frauen in Mexiko nun für ihre Rechte kämpfen.

Dass der Staat sie nicht beschützt, treibt vor allem junge Frauen auf die Straßen. Symbolstark setzen sie sich zur Wehr, werfen mit rosa Glitter um sich, sprühen ihre Forderungen an Monumente der Hauptstadt Mexiko City.

Einige Türen und Scheiben sind zu Bruch gegangen. Das bedeute aber nicht, dass der Feminismus in Mexiko radikaler geworden sei, meint Alejandra Haas, Direktorin der Antidiskriminierungsstelle. "Auf die Straße zu gehen, weil du dich bedroht fühlst - das ist radikal! Radikal ist, dass du Angst haben musst, dass deine Schwester verschwindet oder deine Nachbarin. Radikal ist, dass du ständig ein Risiko spürst, wenn du abends ausgehst oder öffentliche Verkehrsmittel benutzt."

Die jungen Frauen würden zeigen, dass die Forderung nach Gleichberechtigung keine Kompromisse zulässt, betont Haas. "Sie wollen sich nicht an runde Tische setzen und auf Veränderungen warten. Sie wollen den Wandel sofort." Die gute Nachricht sei, dass die neuen Generationen gegen die Gewalt rebelliere. Sie fordere eine wirklich funktionierende Justiz.

Ignorante Berichterstattung

Lucia Lagunes Direktorin Feministische Nachrichtenagentur
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Die Anliegen der Frauen würden in den Medien kleingeredet, beklagt Lucia Lagunes.

Mexiko tut sich schwer im Umgang mit dem neuen Frauenprotest. Tief verwurzelter Machismo und Ignoranz äußern sich auch in der Berichterstattung vieler Medien, wie Lucia Lagunes beobachtet hat. Sie ist Direktorin der Frauen-Nachrichtenagentur Cimac. "Viele Medien hatten überhaupt nicht vor, über die Proteste zu berichten. Erst als es zu Ausschreitungen kam, gelangte das Thema in die Nachrichten."

Aber nicht etwa, dass die Frauen für Gerechtigkeit auf die Straße gingen, sondern die zerbrochenen Scheiben schafften es auf die Titelseiten. "Unsere Medien funktionieren nach dieser Logik: Gewalt lässt sich verkaufen." Die Anliegen der Frauen dagegen würden erst einmal kleingeredet.

"Ja, wir sind wütend, sprühen Wände an und treten Türen ein", schrieb eine renommierte Kommentatorin: "Weil jeden Tag Frauen ermordet werden, vergewaltigt, belästigt und diskriminiert. Wir marschieren und schreien in einem Land, dass die Hälfte seiner Bevölkerung mit Füßen tritt."

Mexiko: Der Aufstand der Frauen
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
30.09.2019 11:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. September 2019 um 08:39 Uhr.

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