Menschen steigen in die Metro Madrid ein. | Bildquelle: ARD/ Oliver Neuroth

100 Jahre Metro Madrid Munitionslager und Dating-Plattform

Stand: 31.10.2019 12:08 Uhr

Mehr als 300 Kilometer Gleise, fast 300 Stationen: Die Metro Madrid ist zwar nicht so berühmt wie andere U-Bahnen, dafür allerdings extrem gut ausgebaut. Vor 100 Jahren ging die allererste Linie in Betrieb.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Jeden Morgen quetscht sich Laura in einen Waggon der Linie 10. Sie fährt von der Plaza de España zur Station Begoña, wo sie arbeitet, und abends wieder zurück. "So bewegt man sich in Madrid am besten fort", sagt sie. "Auf den Straßen ist so viel Verkehr, Busse haben oft Verspätung."

Doch für Laura ist die Metro Madrid mehr als nur ein Verkehrsmittel. Hier hat sie ihre Liebe gefunden. "An dem Tag kam ich von der Arbeit und war etwas müde. In der Metro stand gegenüber von mir ein Typ, der mich anguckte. Und ich schaute zu ihm rüber. Als dann meine Station kam, schrieb ich meine Telefonnummer auf einen Zettel und drückte ihn ihm in die Hand. Und heute ist er mein Freund."

Sein Name ist Dominik. Der Deutsche lebt in Madrid. "Man geht ja nicht davon aus, dass die U-Bahn ein Ort zum Verlieben ist", sagt er dazu. "Aber manchmal dann doch."

Laura und Dominik haben sich während einer U-Bahnfahrt in Madrid kennengelernt. | Bildquelle: ARD/ Oliver Neuroth
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Laura und Dominik haben sich während einer U-Bahnfahrt in Madrid kennengelernt.

Meiste Kilometer pro Einwohner

Wie viele solcher romantischer Metrogeschichten in den vergangenen 100 Jahren passiert sind, weiß niemand genau. Doch es werden einige sein, sagt Eduardo Gallego. Er ist Experte für die Metro Madrid. Schon als Kind war er fasziniert von der U-Bahn - in den vergangenen Jahren schrieb er zusammen mit einem Freund etliche Bücher über "seine" Metro.

"Die Metro von Madrid ist weder die längste, noch die älteste der Welt", erklärt Gallego. "Aber einen Rekord hat sie auch: Sie ist die Metro mit den meisten Streckenkilometern pro Einwohner. Madrid ist also eine kleine Stadt - verglichen mit dem Metronetz, das sie hat."

Die erste Linie, die 1919 in Betrieb ging, verkehrte zwischen Sol und Cuatro Caminos im Zentrum. Ein riesiger Erfolg: Gleich am ersten Tag fuhren mit ihr mehr als 50.000 Passagiere. Madrid hatte damals nur 600.000 Einwohner. Heute sind es rund sechs Millionen.

Metro-Experte Eduardo Gallego | Bildquelle: ARD/ Oliver Neuroth
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Eduardo Gallego ist seit seiner Kindheit von der Madrider U-Bahn fasziniert.

Transportmittel für Kriegsmaterial und Verletzte

1925 wurde eine Linie eröffnet, die bis heute als eine der kuriosesten Europas gilt - denn sie ist die kürzeste: die Linie R. Streckenlänge: ein Kilometer, Fahrzeit: zwei Minuten. Sie hat nur zwei Stationen, Ópera und Príncipe Pio. Die Strecke wurde gebaut, um das Stadtzentrum mit dem Nordbahnhof zu verbinden.

Für Eduardo Gallego ist die Linie R eine Linie mit einer besonderen Geschichte. "Im spanischen Bürgerkrieg wurde die Linie für den Krankentransport verwendet. In Höhe Príncipe Pio verlief die Kampffront, und die Krankenhäuser waren im Zentrum. Also wurden Verletzte und Material mit der Metro transportiert."

In der Zeit des Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 gab es noch weitere Mini-Strecken, die zweckentfremdet wurden. Zum Beispiel zwischen den heutigen Stationen Goya und Diego de Leon. "Auf diesem Abschnitt fuhren keine Personenzüge", sagt Gallego. "Dort war ein Munitionslager untergebracht. Das führte zu vielen schweren Unfällen, wenn die Munition unter der Erde versehentlich explodierte."

König Felipe vor einem historischen Zug der Madrider U-Bahn | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Zum Jubiläum fuhr Spaniens König Felipe in einer historischen Metro mit.

 Knapp 650 Millionen Passagiere pro Jahr

Heute sind in Madrid alle Metrotunnel ausschließlich für den Personenverkehr bestimmt. Das Netz hat 13 Linien, pro Jahr nutzen sie rund 650 Millionen Menschen. Laura, die ihre Liebe in der Linie 10 gefunden hat, steigt immer wieder gerne ein, sagt sie. Auch wenn die Züge meistens völlig überfüllt sind.

"Wenn ich mit meinen Freunden in die Metro steige, machen sie den Witz: ‚Wenn Laura jetzt die Augen öffnet, nähert ihr sich gleich ein hübscher Ausländer‘. Daher ist die Metro für mich zu etwas besonderem geworden, was sie vorher nicht war. Ich ziehe sie jedem anderen Verkehrsmittel vor."

Vom Munitionslager zur Dating-Plattform: 100 Jahre Metro Madrid
Oliver Neuroth, ARD Madrid
31.10.2019 10:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Oktober 2019 um 05:44 Uhr.

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