Angela Merkel geht die Treppe eines Flugzeugs hoch | Bildquelle: picture alliance / dpa

Merkel in Pretoria Deutsche Technik für Kohlekraftwerke in Südafrika?

Stand: 05.02.2020 02:29 Uhr

Bundeskanzlerin Merkel reist am Donnerstag nach Südafrika. Sie will für den Einsatz erneuerbarer Energien werben. Doch Südafrika setzt noch immer auf Steinkohle - auch mit Hilfe deutscher Technik.

Von Thomas Kreutzmann, ARD-Hauptstadtstudio

Rund 90 Prozent der elektrischen Energie in Südafrika stammt aus der schwer umweltbelastenden Kohleverstromung. Das ist das Land, in das Kanzlerin Merkel mit einer Wirtschaftsdelegation reist, um für erneuerbare Energien zu werben. Keine leichte Aufgabe, nach dem deutschen Kohleausstieg. Freitag geht es weiter nach Angola.

Der SPD-Politiker Martin Rabanus ist Vorsitzender der Parlamentariergruppe südliches Afrika. Er warnt gegenüber tagesschau.de: "Ich würde es für falsch halten, jetzt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Südafrika zu zeigen, und zu sagen: Ihr müsst jetzt aber ganz schnell aus der Kohle raus. So geht man miteinander nicht um, wenn man auf Augenhöhe miteinander spricht."

Steinkohle-Einfuhr nach Deutschland aus Südafrika
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Steinkohle-Einfuhr nach Deutschland aus Südafrika

Deutsche Technik gegen Dreckschleudern?

Der Bundestagsabgeordnete Rabanus schlägt vor, Deutschland solle helfen, Südafrikas Kohlekraftwerke mit modernster Filtertechnik auszurüsten: "Wir können auch technisch einiges beitragen, um in einer Übergangsphase die dreckigen Kraftwerke dort einfach sauberer zu machen. Zugleich sollten wir auch die Südafrikaner unterstützen, in regenerative Energien zu gehen."

Es sei völlig unstrittig, dass auch die aktuelle Trockenheit in Südafrika etwas mit dem Klimawandel zu tun habe: “Wenn wir als Deutsche mit Know-How und Kompetenz beitragen können, gegenzusteuern - dann ist das der richtige Weg“, so Rabanus.

Deutschland selbst steigt aus der Kohle aus, aber hilft mit Filtertechnik Südafrika bei der Bewältigung der schlimmsten Umweltfolgen seiner Kohleverstromung? So eine Diskussion möchte man regierungsseitig vermeiden. Im Kanzleramt hält man sich gegenüber Rabanus Vorstoß bedeckt. Dabei besteht großer Handlungsbedarf – wie ein Blick auf ein noch recht neues Kohlekraftwerk nördlich von Pretoria zeigt.

Das im Bau befindliche Kohlekraftwerk Medupi in Lephalale im Nordosten Südafrikas. | Bildquelle: picture alliance / Kyodo
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Das Kohlekraftwerk Medupi in Lephalale im Nordosten Südafrikas.

Kohlekraftwerk Medupi sorgt für Umweltprobleme

Medupi - "sanfter Regen": So poetisch hat es der südafrikanische Energiekonzern Eskom genannt.

Irreführender als das Wort aus der Sepedi-Sprache könnte der Name kaum sein. "Saurer Regen" wäre treffender.  Denn Südafrikas staatlicher Strom-Monopolist hat beim Bau schlicht auf Filteranlagen zur Entschwefelung der aggressiven Abgase verzichtet - aufgrund einer Sondergenehmigung zur Kostenersparnis. Eskom ist hoch verschuldet. Der Staat hat seinem eigenen Unternehmen Lasten erspart und sie der Umwelt aufgebürdet.

Bevölkerung leidet an Gesundheitsschäden

"Business Insider South Africa" meldet, Eskom werde auch nicht, wie versprochen, bis 2025, die Filter nachrüsten, sondern frühestens ab 2030 – und das in einem Land, wo sich rings um die Kohlekraftwerke Gesundheits- und Umweltschäden massiv ausgebreitet haben:  Armin Paasch vom Hilfswerk Misereor erklärt gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio: "Kohleabbau und Verstromung verseuchen in Südafrika das Wasser. Sie belasten die Luft mit Feinstaub und Schwefeldioxyd. Die Folge ist, dass in Kohleregionen Krankheiten wie Staublunge, Herzerkrankungen und Asthma sehr viel häufiger auftreten als in anderen Landesteilen.“

Greenpeace-Aktivisten mit Schildern, auf denen "Eskom Climate Killer steht" | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Greenpeace-Aktivisten protestieren gegen den südafrikanischen Energiekonzern Eskom.

Deutsche Wirtschaftsinteressen in Südafrika

Bundeskanzlerin Merkel geht es um bilaterale Verträge und um Bemühungen für ein freundliches Wirtschaftsklima. Gerade Südafrika mit seiner entwickelten Infrastruktur und guten Rechtssicherheit hat viele Standortvorteile. Aber es hat sich im Energiesektor nicht gut entwickelt, zumal inzwischen für Firmen und Privatleute kostspielige Stromausfälle zum Alltag gehören.

Ausgerechnet dort will Merkel der Regierung grüne Technologien aus dem Kohleausstiegsland Deutschland schmackhaft machen.Das wird nicht einfach. Denn Südafrika, die größte und modernste Volkswirtschaft des schwarzen Kontinents, ist trotz allen Reichtums an Sonne und Wind ein Entwicklungsland bei der Nutzung der Erneuerbaren Energien.

Windräder in Darling, Südafrika | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Deutschland wirbt seit Jahren für "Erneuerbare" in Südafrika - jedoch gibt es viele Arbeitsplätze in der Kolhebranche.

Südafrika hinkt bei erneuerbaren Energien hinterher

Ein Plan zu ihrem Ausbau wurde schon vor vielen Jahren gefasst, dann wieder verworfen. Der wegen Korruption angeklagte Ex-Präsident Jacob Zuma (2009 -2018) setzte auf russische Atomkraftwerkstechnik. Sein Nachfolger Cyril Ramaphosa machte das wieder rückgängig. Und brachte erst vor wenigen Wochen einen erneuten Ausbauplan für die Erneuerbaren Energie auf den Weg. Dieser Weg dürfte steinig werden, wie ein Blick auf die deutsche Außenhandelskammer für das Südliche Afrika zeigt.

Dort hat man zwar Solarpaneele installiert, und lädt damit unter anderem einen Elektro-BMW als Dienstwagen. Aber das ist vor allem Symbolik. Nur auf wenigen Fabrikhallen in Südafrika finden sich, anders als im viel sonnenärmeren Deutschland Anlagen zur Solarstromgewinnung. Sie lohnen sich schlichtweg nicht. Denn es fehlt ein Gesetz, um den vom Erzeuger nicht selbst nutzbaren Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen.

Andererseits wirbt Deutschland seit Jahren am Kap für die "Erneuerbaren". Seit 2013 besteht eine Energiepartnerschaft mit Südafrikas Regierung. In ihrem Rahmen unterhält man in Kapstadt ein deutsches "Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien und Energieeffizienz", das Marktteilnehmer berät und Experten in Kontakt bringt. Export und Innovationsförderung hat sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auf die Fahnen geschrieben, das einen Experten dafür in Südafrika abgestellt hat.

Aus diesen Quellen bezieht Südafrika seinen Strom
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Aus diesen Quellen bezieht Südafrika seinen Strom

Wind- und Sonnenergie könnten helfen

Es ist das Bohren dicker Bretter. Der Dreiparteienregierung unter Führung des ANC geht es vor allem um Quantität und Energiesicherheit. Südafrika will endlich Versorgungssicherheit statt Stromausfälle. Bis 2030 sollen 95 Prozent der Bevölkerung an das Netz angeschlossen werden - auch in entlegenen ländlichen Regionen.

Misereor-Experte Paasch meint, das sei mit Sonnen- und Windstrom viel leichter zu erreichen, als mit Kohlestrom aus zentralen Großkraftwerken. Doch die Regierung in Pretoria denkt eben auch an die Arbeitsplätze der vielen Bergleute - in einem  Land mit fast 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Wie der Bundestagsabgeordnete Rabanus sagt: man sollte nicht mit dem Finger auf Südafrika zeigen. In Deutschland dauerte der Kohleausstieg auch viele Jahrzehnte. Voller saurem Regen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 05. Februar 2020 um 09:35 Uhr sowie am 02. Dezember 2018 das Erste um 19:20 Uhr im Weltspiegel.

Korrespondent

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Thomas Kreutzmann, HR

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