Der französische Präsident Macron spricht in Sibiu mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. | Bildquelle: AFP

Deutsch-französisches Verhältnis Merkel, Macron und die "Mentalitätsunterschiede"

Stand: 16.05.2019 13:54 Uhr

Ein Merkel-Interview, ein Übersetzungsfehler - und schon ist die Aufregung in Paris groß. Nur ein Zeichen dafür, dass es zwischen der Kanzlerin und Präsident Macron derzeit nicht gut läuft.

Eine Analyse von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Deutschland und Frankreich leisten viel für Europa. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt in einem großen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. Aber sie sprach dort auch über Mentalitätsunterschiede zwischen ihr und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Und über das Ringen mit ihm über die richtige Linie.

Interview schlägt hohe Wellen

In Frankreich hat das Interview hohe Wellen geschlagen. Schon länger wollen Beobachter dort ein Abkühlen der Beziehung zwischen Merkel und Macron wahrgenommen haben. Und das kurz vor der Europawahl. Ist da etwas dran?

Es war dem französischen Informationssender BFM sogar eine Eilmeldung wert, per Pushnachricht brühwarm auf’s Handy geschickt. Merkel habe eine "konfliktgeladene Beziehung" mit Präsident Macron, hieß es da. Sage nicht irgendwer, sondern die Kanzlerin selbst, im Interview mit der SZ.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Gibt Merkel jetzt also zu, was viele schon lange vermuteten, fragten sich nicht nur Journalisten?

Übersetzungsfehler mit großer Wirkung

Zwar stellte sich das Zitat der "konfliktgeladenen Beziehung" als Übersetzungsfehler einer Nachrichtenagentur heraus. Präsident Macron sah sich trotzdem genötigt, noch in einer Pressekonferenz mit der neuseeländischen Premierministerin abzuwiegeln: "Wir müssen es in Europa schaffen, vorübergehende Meinungsverschiedenheiten zu akzeptieren. Nicht in allem übereinzustimmen, um auch zu sagen, was wir eigentlich wollen. Und danach einen Kompromiss mit Deutschland zu finden, um voranzugehen."

Das, so Macron, laufe doch seit zwei Jahren sehr gut. Schließlich habe er in seiner Sorbonne-Rede und an anderen Orten große Reformpläne für Europa präsentiert. "Und dann haben wir monatelang gearbeitet. Und in dieser beständigen Konfrontation das Abkommen von Meseberg getroffen."

Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen. Und kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht erst seit dem kaum sichtbaren Minimalkonsens von Meseberg der Frust in Paris über das eher gemächliche Voranschreiten der Bundesregierung in Sachen Europa tief sitzt.

Zwischen Weglächeln und Klartext

Die als überheblich empfundene Antwort von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf Macrons EU-Vorschläge war Wasser auf die Mühlen. Im Präsidentenpalast wird dieser Frust im Hintergrund gerne weggelächelt.

Und dann ist es manchmal sogar Präsident Macron selbst, der in Anwesenheit der Weltpresse Klartext redet:

"Deutschland ist wahrscheinlich am Ende eines Wachstumsmodells, das stark vom Ungleichgewicht in der Eurozone profitiert hat. Weil Deutschland im richtigen Zeitpunkt zurecht Reformen durchgebracht hat. Aber die Unterschiede in der Eurozone haben sich in dieser Periode verstärkt und Deutschland hat stark davon profitiert", analysierte Macron auf seiner großen Pressekonferenz Ende April.

Eine glatte Breitseite gegen das Modell der deutschen Wirtschaftsdominanz. Neu ist, dass Macron es nicht mehr nur bei Worten bewenden lässt. Bei der brisanten Frage um das Pipeline-Projekt Nordstream 2 stellte sich Frankreich auf EU-Ebene erstmals offen gegen Deutschland, lenkte dann aber ein. Auch bei den Fragen der Brexit-Verlängerung oder Freihandels-Verhandlungen mit den USA stimmte Macron gegen Merkel, schmiedete zuletzt in Brüssel sogar eine Klimaallianz - zunächst ohne deutsche Beteiligung. Alles nur Geplänkel?

"Das Problem ist: Die Franzosen wollen viel und die Deutschen wollen nichts. Macron weiß, wie Merkel ist. Aber was soll er sagen? Ich gehe jetzt das Schneckentempo von Merkel, die immer stehen bleibt? Das geht nicht", sagt kein geringerer als Daniel Cohn-Bendit, deutsch-französisches Urgestein der Europapolitik und im Europawahlkampf stark engagiert. Für seinen Freund, Macron.

Problem Europawahlkampf

Apropos Europawahlkampf. Der macht aktuell die Situation nicht leichter. Treten Merkel und Macron doch für unterschiedliche Fraktionen und Projekte an. Bei Personalfragen dürfte das nach der Wahl für zusätzliche Reibung sorgen. Andererseits: Reibung erzeugt auch Wärme. Und die kann ein Motor zum Laufen gebrauchen.

Nicht ausgeschlossen also, dass die neu entdeckte Konfrontationslinie den deutsch-französischen Motor nach der Wahl sogar leistungsfähiger macht.

Auf Konfrontationskurs? Das neue Verhältnis von Merkel und Macron
Marcel Wagner, ARD Paris
16.05.2019 13:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Mai 2019 um 15:00 Uhr.

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