Kanzlerin Merkel bei der Pressekonferenz mit Erdogan in Berlin. | EPA

Erdogan empfängt Merkel Freunde - mit tiefgreifenden Differenzen

Stand: 16.10.2021 09:48 Uhr

Inhaftierte Deutsche, Flüchtlingskrise und verbale Angriffe - das Verhältnis zwischen Kanzlerin Merkel und Präsident Erdogan war nicht immer einfach. Nun tritt Merkel ihren wohl letzten Besuch als Regierungschefin in der Türkei an.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

"Geschätzte Freundin". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kann auch nett sein. Die geschätzte Freundin war Angela Merkel, die er Anfang des Vorjahres zu ihrem zehnten Besuch in der Türkei ungewöhnlich freundlich begrüßte.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Stichwort nett sein: "Die Liebe der Türken und Deutschen zueinander ist so alt, dass sie niemals zerbrechen wird." Das war 2018, als Deutschland wiederum den türkischen Präsidenten Erdogan zu einem Staatsbesuch empfing. Auf deutsch versuchte Erdogan beim Staatsbankett da zu reparieren, was er sonst auf türkisch häufig kaputtpoltert.

Etwa, als er der geschätzten Freundin Angela Merkel einst Nazi-Methoden attestierte. Die, die sonst viele Unverschämtheiten Erdogans einfach überhörte, reagierte damals scharf: "Das ist so deplaziert, dass man es eigentlich gar nicht kommentieren kann. Zu rechtfertigen ist es ohnehin gar nicht." Das war auf der Merkel-Eskalationsskala eher relativ weit oben.

Merkel: "Tiefgreifende Differenzen"

Merkel und Erdogan. Sie sind die beiden Regierungschefs mit den längsten Amtszeiten in Europa. Man kennt sich lang. Erduldete manches. Redet aber stets weiter miteinander. Erdogan wurde 2003 Ministerpräsident. Merkel 2005 Kanzlerin. Seitdem erlebt Merkel mit dem türkischen Machtmenschen eine politische Achterbahnfahrt der Extraklasse. Mit Provokationen und sehr viel Streit. "Es ist ja auch niemandem verborgen geblieben, dass es in unserem Verhältnis auch tiefgreifende Differenzen gab", so die Kanzlerin.

Meinungsfreiheit. Pressefreiheit. Demokratieverständnis. Unabhängigkeit der Justiz. Deutsche Staatsbürger, die aus dubiosen Gründen in türkischer Haft sitzen. Das alles mehr als nur Missverständnisse, versprach sich Merkel einst bei einer Pressekonferenz: "Es gibt auf der anderen Seite aber gerade in allen Fragen - wie sieht eine freie Gesellschaft aus - tiefgreifende Missverständnisse. Nein, nicht Missverständnisse. Unterschiedliche Auffassungen, auch Differenzen." 

Erdogan: Maas kennt seine Grenzen nicht

Differenzen ist da noch sehr freundlich ausgedrückt. Das militärische Vorgehen der Türkei gegen die Kurden in Syrien etwa. Als der deutsche Außenminister Heiko Maas auf das Völkerrecht verwies, dutzte Erdogan damals seine Beleidigung Richtung Berlin. "Wenn Du etwas von Politik verstehen würdest, würdest Du nicht so sprechen." Maas, laut Erdogan, "ein Dilettant". Ein Mann, der seine Grenzen nicht kenne.

Und Maas? Machte die Merkel. Was sagt man, wenn Erdogan tobt? "Ehrlich gesagt eigentlich gar nix. Das ist mit persönlich auch hoch wie breit. Mir ist es lieber, Herr Erdogan schießt mit Worten als mit Raketen." Hoch wie breit also als Antwort auf einen polternden Präsidenten. 

Heute nun der elfte und vermutlich letzte Besuch Merkels in Istanbul. Migration. Flüchtlingsfragen. Das Verhältnis der EU zur Türkei. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von einem ganz normalen Arbeitsbesuch: "Zunächst einmal ist die Türkei für uns ein wichtiger enger Partner. Unsere Länder sind auf vielfältige Weise verbunden."

Özdemir könnte Außenpolitik mitprägen

Zum Beispiel durch eine türkische Diaspora in Deutschland, die zugleich der viertgrößte Wahlkreis der Türkei ist. Viele Deutsch-Türken sind wahlberechtigt und viele sind Erdogan-Fans. Der übrigens muss sich vermutlich künftig auf eine neue, eine mutmaßlich konfrontativere Politik der Bundesregierung einstellen.

Cem Özdemir von den Grünen - noch nie ein Freund Erdogans: "Sowohl in der Türkei als auch hier bin ich häufiger Zielscheibe von Erdogan und seinen Schergen geworden. Und wurde als Terrorist bezeichnet", so Özdemir vor drei Jahren.

Der angebliche Terrorist Özdemir könnte jetzt in einer künftigen Ampel-Koalition die Außenpolitik mitprägen. Auch den Kurs gegenüber der Türkei. Merkels Tipp an alle: Reden hilft: "Weil wir Differenzen nur in Gesprächen miteinander klären können. Wer nicht miteinander spricht, findet auch keine gemeinsamen Positionen. Manchmal dauert das lang."

Und manchmal noch länger. Bei Merkel und Erdogan jetzt 16 Jahre lang.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Oktober 2021 um 07:51 Uhr und 09:51 Uhr.

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Moderation 16.10.2021 • 14:00 Uhr

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