Alice Nkom erhält Menschenrechtspreis Anwältin gegen die "neue Apartheid"

Stand: 18.03.2014 05:58 Uhr

Vor 45 Jahren war sie die erste schwarze Frau in Kamerun, die eine Zulassung als Anwältin erhielt. Heute erhält Alice Nkom in Berlin den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland - für ihr Engagement für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender.

Von Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Unter Lebensgefahr setzt sie sich als Anwältin und mit ihrer Organisation ADEFHO (Vereinigung für die Verteidigung der Rechte Homosexueller) für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern in Kamerun ein. Und zwar gegen den Trend. Denn die Bekämpfung sexueller Minderheiten ist in vielen Ländern Afrikas populäre Staatsdoktrin - auch in Alice Nkoms Heimat Kamerun.

Alice Nkom (Archivbild)
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Alice Nkom erhält den Menschenrechtspreis von Amnesty International.

Sie macht Eindruck, wenn sie nur den Raum betritt, in ihrem afrikanischen Gewand, den Kopf mit einem bunten Tuch geschmückt, hellwach, schlagfertig. Alice Nkom war Kameruns erste afrikanische Anwältin. Heute ist sie die letzte Anwältin im Land, die sich für die Rechte sexueller Minderheiten einsetzt. "Ich lasse mir doch nicht sagen, die Werte der Gleichheit, des Respekts vor der Menschenwürde seien keine Afrikanischen Werte“, sagt sie " Das ist falsch. Das ist dann nicht mehr mein Afrika - und auch nicht das meiner Kinder."

Deutlich mehr Repressionen in Afrika

Doch in 36 Ländern Afrikas drohen Angehörigen sexueller Minderheiten massive Strafen. Und weil es populär zu sein scheint, drehen Politiker wie zuletzt Ugandas Präsident Yoweri Museveni an der Strafschraube. In vier afrikanischen Staaten gibt es sogar die Todesstrafe für Homosexuelle. In Kamerun drohen bis zu fünf Jahre Haft, hinzu kommt die öffentliche Ächtung.

Jugendverbands-Funktionär Sismondi Bidjocka erklärte vor laufenden Kameras, die Jagd auf die Schwulen sei eröffnet: "Homosexualität ist kriminell, es ist eine kriminelle Identität. Für uns ist die Debatte beendet. Das will ich Ihnen hier nur ein für alle Mal sagen, ein letztes Mal, wir sind inzwischen zum Handeln übergegangen, zur repressiven Aktion."

Aktivisten werden bedroht

Bisher hat sich Alice Nkom - sie ist verheiratet und hat zwei Kinder - von den Drohungen nicht einschüchtern lassen. Aber ihr Kanzleipartner zog es vor, Kamerun mit seiner Familie zu verlassen, klagte Nkom im Interview mit dem Sender France 24: "Wir werden in Ausübung unserer Ämter bedroht. Aber trotz unserer Beschwerden hat die Polizei nichts unternommen."

Der Schwulenaktivist Eric Lembembe wurde vergangenes Jahr unter ungeklärten Umständen ermordet. Seine Mitstreiter in Yaoundé versetzte der Mord in Panik, denn sie glauben, dass Lembembe ermordet wurde, weil er schwul war. "Wir haben jetzt natürlich alle Angst, denn die Bedrohung ist überall da." Die Bedrohung sei allgegenwärtig, sagt der eine, und der andere erwägt die Flucht: "Es ist wirklich schwierig hierzubleiben. Jeder Mensch hat doch ein Recht, seine Sexualität frei auszuleben."

"Eine neue Form von Apartheid"

Von einer neuen Form der Apartheid spricht Alice Nkom. Doch sieht sie das Recht auf ihrer Seite. Die 69-Jährige ist seit mehr als 40 Jahren Anwältin und argumentiert immer juristisch. Sie versucht, das schwulenfeindliche kamerunische Strafgesetzbuch mit Hilfe des internationalen Rechts auszuhebeln. Kamerun habe sich international verpflichtet, Minderheiten zu respektieren, sagt sie. "Stattdessen ist Kamerun zum Champion der Verfolgung geworden, wenn es um die Festnahme Homosexueller geht."

Eine SMS mit den Worten "ich liebe Dich" brachte einem jungen Mann 36 Monate Haft ein. Er hatte die Textbotschaft an einen Mann gerichtet. Seine Familie verstieß ihn, er tauchte unter und ist inzwischen gestorben, an einem Leistenbruch, sagt Alice Nkom. Niemand habe dem jungen Mann mehr helfen wollen - auch die Kirche nicht.

Kirchen verstärken Diskriminierungen

Von der katholischen Kirche seien vieler ihrer Mandanten exkommuniziert worden. Und die aus den USA finanzierten Freikirchen seien geradezu Zentren der homophoben Hetze geworden: "Das ist die wirklich letzte Herausforderung im Rahmen der Menschenrechte, für einen Teil der Menschheit sicherzustellen, dass sie ihr Recht auf Freiheit, auf ein Privatleben und ihr Recht auf Homosexualität wahrnehmen können."

Der Menschenrechtspreis, den Alice Nkom heute in Berlin entgegennimmt, ist mit 10.000 Euro dotiert und wird ihr bei Ihrer Arbeit helfen. Noch wichtiger ist vielleicht die internationale Aufmerksamkeit, die sie erfährt. Kameruns Regierung sollte wissen: Wenn dieser Frau etwas zustößt, wird das in der Welt nicht unbemerkt bleiben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. März 2014 um 09:00 Uhr.

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