Eine Labor-Mitarbeiterin bereitet eine DNA-Probe vor | Bildquelle: dpa

Mensch-Tier-Wesen Deutliche Kritik an Organzüchtung

Stand: 31.07.2019 18:02 Uhr

Japanische Forscher dürfen mit der Züchtung von menschlichen Organen in Tieren beginnen. Von einem "ethischer Megaverstoß" sprechen Kritiker. Der Vorsitzende des Ethikrates sieht auch die Chancen der Forschung.

Um Menschen zu helfen, wollen japanische Forscher Organe in Tieren züchten. Dieser wissenschaftliche Vorstoß stößt auf scharfe Kritik: "Die fundamentale Grenze zwischen Mensch und Tier, auf der nicht nur unsere Rechtsordnung, sondern auch unser gattungsethisches Selbstverständnis als Menschen beruht, würde in unzulässiger Weise porös", sagte Andreas Lob-Hüdepohl. Er ist Moraltheologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat.

"Mit der Züchtung von Mensch-Tier-Mischwesen wird eine Grenze überschritten, die wir als Menschen nicht überschreiten dürfen", warnte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im "Spiegel". Für ihn wäre das ein "ethischer Megaverstoß". Mit der genetischen Veränderung versuche man, "sich selbst zu Göttern zu machen", so der SPD-Gesundheitsexperte.

Auch Jens Reich, Mediziner und Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin kritisierte die Versuche. "Die Gefahr ist immer bei solchen Sachen: Man gibt ja sehr potente menschliche Stammzellen in einen tierischen Embryo hinein und kann dann nicht mehr verhindern, dass die etwas machen, was nicht mehr kontrollierbar ist."

Menschliche Bauchspeicheldrüse in Mäusen

Forscher der Universität Tokio hatten eine Genehmigung erhalten, menschliche Stammzellen in Tierembryos einzupflanzen. Die Embryos sollen zuvor so genmanipuliert werden, dass sie keine eigene Bauchspeicheldrüse ausbilden. Stattdessen hoffen die Wissenschaftler, dass die Föten eine Bauchspeicheldrüse aus den menschlichen Stammzellen bilden. Die Föten sollen von Mäusen ausgetragen und kurz vor der Geburt getötet werden. Während der Schwangerschaft solle auch herausgefunden werden, ob sich auch woanders im Körper der Tiere menschliche Stammzellen verbreiten, sagte Ayako Maesawa, Direktorin beim japanischen Wissenschaftsministerium.

Viele Kritiker bezweifelten, dass sich Veränderungen des tierischen Embryos durch menschliche Stammzellen "derart begrenzen lassen". Sie vermuteten, dass sich nicht vorhersehbare Effekte einstellen könnten, die das Hirn oder sogar die Keimbahn des tierischen Embryos erreichten. Vor solchen Effekten hatten auch Bioethiker gewarnt. Sie fürchten, dass die menschlichen Stammzellen neben der Bildung des gewünschten Organes weiter ins Hirn des Wirtstieres wandern und dort eine Art Bewusstsein hervorrufen könnten.

Ähnliche Experimente wie in Japan sind bereits in verschiedenen Ländern in Arbeit; sie dürfen aber nur bis zu einem Alter von 14 Tagen der Tier-Embryonen durchgeführt werden. Die Regierung in Tokio hat nun zugelassen, dass solche Mischwesen - auch Mensch-Tier-Wesen - auch zur Welt kommen dürfen.

Japanische Forscher bekommen Genehmigung für Züchtung menschlicher Organe in Tieren
tagesthemen 22:15 Uhr, 31.07.2019, Tim Diekmann/Cecilia Knodt, SWR

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"Tiere als Ersatzteillager?"

Moraltheologe Lob-Hüdepohl wies darauf hin, dass sich angesichts des Forschungsvorhabens die ethische Frage stelle, "ob wir unbesehen Tiere als Ersatzteillager herstellen und hernach wieder töten dürfen". Darauf wies auch Sozialethiker Peter Dabrock hin: Man müsse tierethische Fragen wie die Tötung von Tieren, aber auch ihr mögliches Leiden während der Versuche erörtern, sagte Dabrock. Man müsse aber auch bedenken, "dass wir schon immer Humaninsulin genetisch herstellen auf der Grundlage von Bakterien oder jetzt schon Herzklappen von Schweinen beim Menschen einsetzen", sagte er.

Die erste Empörung über die Versuche in Japan bezeichnete Dabrock als "Sturm im Wasserglas". Er warnte davor, die Forschung an Mensch-Tier-Wesen vorschnell zu verurteilen. "Natürlich ist nachvollziehbar, dass man erst einmal Grusel empfindet", sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. "Man denkt vielleicht an Pegasus, Sphinx, Kentauren oder irgendwelche Horrormonster aus Hollywood-Trash-Filmen", sagte Dabrock. Darum gehe es aber überhaupt nicht. Hinter dem Experiment stehe durchaus ein hohes und berechtigtes Ziel, betonte der Theologe. Er verwies auf einen großen Nutzen in der Organspende.

Dabrock verwies auf eine Stellungnahme des Ethikrats zu Mensch-Tier-Mischwesen - sogenannten Schimären - aus dem Jahr 2011, die die Möglichkeiten und Grenzen für die Forschung in diesem Bereich herausarbeitet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Juli 2019 um 17:00 Uhr in den Nachrichten.

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