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Interview

Interview mit einem deutschen Unternehmer in Kongo "30 Menschen leben von einem Einkommen"

Stand: 24.08.2007 20:32 Uhr

Der deutsche Unternehmer Horst Gebbers lebt seit drei Jahrzehnten im Osten des Landes. Im Gespräch mit tagesschau.de schildert Gebbers, dessen Unternehmen Malaria- und Aids-Medikamente herstellt, seinen Alltag.

tagesschau.de: Herr Gebbers, Sie mussten das Interview verschieben, weil der kongolesische Energieminister gerade in Ihrer Stadt, Bukavu, weilte ...

Horst Gebbers: ... stimmt, ich musste schnell mal mit dem Minister reden. Wir haben seit Wochen Probleme mit der Stromversorgung.

Horst Gebbers (Foto: Privat)

Horst Gebbers ist seit mehr als drei Jahrzehnten in Kongo. Seine Firma stellt Malaria- und Aids-Medikamente her und beschäftigt 2000 Menschen

tagesschau.de: Wie oft gibt’s denn bei Ihnen keinen Strom?

Gebbers: In den letzten vier Monaten ist es immer schlimmer geworden. Wir sind monatlich hunderte Stunden ohne Strom.

"Chinesen bauen neue Straßen"

tagesschau.de: Wie ist sonst die Infrastruktur in Ostkongo?

Gebbers: Völlig zusammengebrochen in den letzten Jahren. Mit einer Ausnahme: Eine chinesische Baufirma baut eine 500 Kilometer lange Straße von Bukavu ins Landesinnere.

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tagesschau.de: Sie sind seit 1972 in Kongo. Wenn Sie den Vergleich ziehen: Was hat sich verändert?

Gebbers: Mal abgesehen von der Infrastruktur - ein Bankensystem gibt es praktisch gar nicht mehr und die Sicherheitslage im Land ist viel schlechter geworden. Insgesamt war es zur Herrschaftszeit des Diktators Mobutu einfacher, ein Geschäft zu führen. Wir hoffen aber, dass das nach der Wahl wieder besser wird.

"Monuc schafft Minimum an Sicherheit"

tagesschau.de: Die Soldaten der Bundeswehr sind ausschließlich in der Hauptstadt Kinshasa im Einsatz. Wie werden Sie in Bukavu geschützt?

Gebbers: In Sichtweite von meiner Fabrik gibt es einen Stützpunkt der Monuc, das ist die UN-Truppe, die ein Minimum an Sicherheit aufrecht erhalten soll. Die Reichweite der UN-Soldaten ist aber sehr begrenzt. Teilweise sind hier in den letzten Jahren weniger als 30 Kilometer vom Stützpunkt entfernt die grässlichsten Verbrechen geschehen.

"Das hier ist meine Heimat"

tagesschau.de: Das hört sich nicht danach an, als ob Sie gerne in Bukavu leben. Denken Sie manchmal auch über’s Weggehen nach?

Gebbers: Kann ich nicht sagen. Das hier ist meine Heimat, mir sind die Leute ans Herz gewachsen. Außerdem haben wir hier eine große soziale Verantwortung für 2000 Beschäftigte und ihre Familien. Außer uns gibt es noch eine Brauerei und ansonsten nur den Staat als großen Arbeitgeber.

tagesschau.de: Wie viele Menschen ernähren eigentlich Ihre Mitarbeiter?

Gebbers: Früher waren das etwa fünf bis acht. Durch das wirtschaftliche Elend im Land und die Flucht vieler Bauern in die Stadt sind es in Bukavu jetzt im Schnitt 30 Menschen, die von einem Einkommen abhängen.

tagesschau.de: Wie ist das Leben Ihrer Arbeiter?

Gebbers: Durch die verschiedenen Kriege und Bürgerkriege ist das Leben sehr, sehr schwer und demoralisierend geworden. Die Gewalttaten diverser Soldaten und Milizen haben ihre Spuren in fast jeder Familie hinterlassen. In den letzten Jahren haben wir unglaubliche Gräuel gegen die Menschen erlebt. Die massenhafte Vergewaltigung von Frauen ist als Kriegswaffe die Regel, zuletzt im Mai vor zwei Jahren durch ruandische Soldaten, die durch unsere Gegend zogen. Unsere Fabrikarbeiterinnen waren dadurch weniger betroffen als die Frauen, die auf unseren Plantagen arbeiteten.

tagesschau.de: Haben Sie Angst?

Gebbers: Nicht in der Stadt, da passt die Monuc auf. Auf dem Land sieht es anders aus.

Wahlen 46 Jahre nach der Unabhängigkeit

tagesschau.de: Was erwarten Sie von der Wahl?

Gebbers: Die ganze Bevölkerung ist froh, dass 46 Jahre nach der Unabhängigkeit 1960 endlich freie Wahlen stattfinden. Sicher wird es zu Wahlbetrügereien kommen. Aber die Tatsache, dass man endlich wählen kann, ist unheimlich viel wert.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de