Interview

Wolfram Wette im Interview "Unter Bush herrscht ein Rambo-Klima"

Stand: 27.08.2007 17:48 Uhr

Der Militärhistoriker Prof. Dr.Wolfram Wette macht die US-Regierung für die Folterungen irakischer Gefangener durch US-Streitkräfte verantwortlich. Unter Präsident George W. Bush sei den US-Truppen der Eindruck vermittelt worden, sie dürften alles, kritisiert Wette im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Die Bilder von Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten und Soldatinnen in Irak sind schrecklich. Wie ist ihr Eindruck, kann so etwas passieren, ohne dass militärische Vorgesetzte davon Kenntnis haben?

Wette: Im Prinzip können Kriegsverbrechen geschehen, ohne dass Vorgesetzte davon Kenntnis haben. Aber hier scheint mir das nicht so zu sein. Das erinnert mich eher an rechtsradikale Vorkommnisse, die wir aus der Bundeswehr kennen. Da fühlten sich auch immer alle Minister bemüßigt zu sagen, das seien Einzelfälle. Natürlich waren sie das nicht, sondern sie haben ein gewisses Klima in der Bundeswehr offen gelegt. Im Irak ist es auch so: So was ist nicht denkbar, ohne dass Vorgesetzte das zugelassen, wenn nicht sogar befohlen haben - worauf ja einiges hindeutet. Folter in einem Gefängnis passiert ja nicht aus einer Kampf-Situation heraus. Im Gefängnis ist ja eigentlich Ruhe und Gelassenheit angesagt. Da findet nichts statt aus einem momentanen Impuls, sondern es gibt ein gewisses System.

tagesschau.de: Fördert der berühmte „Korpsgeist“ solche Exzesse?

Wette: Der Korpsgeist hat vor allem die Funktion, Verbrechen vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Ob der Korpsgeist auch dazu dient, Kriegsverbrechen hervorzubringen, ist eine andere Frage. Dazu ist aber ein gewisses Klima notwendig, wie man an der Geschichte der deutschen Wehrmacht sieht. Wenn die oberste Führung sagt: „Ihr dürft“ – dann finden auch Exzesse statt. Wenn die oberste Führung dagegen sagt: „Haltet euch streng an die rechtlichen Vorschriften", in diesem Fall an das Kriegsvölkerrecht, oder an die Genfer Konventionen, dann passiert auch weniger. Aber ich habe den Eindruck, dass die amerikanische Führung unter Bush ein Rambo-Klima geschaffen hat, in dem die Soldaten der Auffassung sind, sie dürften alles. Bekanntlich ist die Regierung Bush nicht dem Internationalen Strafgerichtshof beigetreten. Auch das ist ein Signal, nicht nur weltweit, sondern auch für die eigene Truppe. Die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte wissen: Vor ein internationales Gericht, wo es nach internationalen Gesichtspunkten gerecht zugeht, kommen wir nicht.

Im Krieg sind die Gesetze der Demokratie außer Kraft

tagesschau.de: Heißt das, es gibt einen entscheidenden Unterschied im Verhalten der US-Streitkräfte im Vergleich zu anderen Armeen, etwa der Bundeswehr?

Wette: Es ist sicher eine Erfahrung der deutschen Geschichte, dass man im Soldatengesetz, das für die Bundeswehr gültig ist, gesagt hat: Wenn euch befohlen wird, ein Verbrechen zu begehen, müsst ihr den Befehl verweigern. Das ist ja eine ganz neue Entwicklung, die wir nach 1945 hatten. Ich habe doch die Hoffnung, dass Bundeswehrsoldaten in vergleichbaren Situationen anders reagieren würden, als wir das jetzt von Angehörigen der US-Streitkräfte im Irak hören.

tagesschau.de: Zeigt sich an diesem Beispiel, dass sich eine Demokratie im Kriegsfall verändert?

Wette: Wir sind ja geneigt zu glauben, die Streitkräfte einer Demokratie seien gleichsam zivilisierter als die Streitkräfte einer Diktatur. Da habe ich aber starke Zweifel. Sobald eine Regierung sich dazu entschlossen hat, in den Krieg zu ziehen, dann ist es gleich, ob es sich um eine demokratische oder diktatorische Regierung handelt. Denn dann treten die Gesetze des Krieges in Kraft, und die Gesetze der Demokratie sind außer Kraft gesetzt. Dann verselbstständigt sich die Gewalt und wird total.

Eine Regierung kann sehr viel gegen solche Exzesse tun

tagesschau.de: Die militärische Führung kann solche Exzesse also gar nicht verhindern?

Wette: Doch, sie kann sehr viel dazu beitragen, dass solche Exzesse verhindert werden. Wenn die Soldaten permanent dazu angehalten werden, sich im Rahmen des Rechtes zu bewegen, passiert wesentlich weniger, als wenn man ihnen sagt: „Ihr dürft ja“. Die Regierung eines Landes trägt eine große Verantwortung für das, was sein Gewaltinstrument macht.

tagesschau.de: Und die US-Regierung wird dieser Verantwortung nicht gerecht?

Wette: So sehe ich das. Erstaunlich ist jedoch: Heute regt man sich über die Folgen dieser Folterungen für das internationale Klima auf. Die verwerfliche Tat selbst ist gar nicht mehr Gegenstand internationaler Erörterungen.

tagesschau.de: Wie erklärt sich denn dieses Verhalten der US-Truppen gegenüber der arabischen Kultur?

Wette: Es gibt viele ähnliche Beispiele. Eine militärische Truppe wird in ein fremdes Land geschickt, ohne dass die Offiziere und Soldaten überhaupt eine gewisse Landeskenntnis haben. Mir fällt der so genannte Boxer-Aufstand in China ein, wo deutsche Truppen ja mit dem Segen von Kaiser Wilhelm II. hingeschickt wurden. Die hatten überhaupt keine Ahnung und haben sich wirklich wie die Axt im Walde als Kriegsverbrecher aufgeführt und reihenweise Menschen ermordet. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich gelesen habe, dass der US-Verwalter im Irak, Paul Bremer, vor der internationalen Öffentlichkeit zugegeben hat, er habe im Grunde keine Landeskenntnis vom Irak.

Das Interview führte Frank Thadeusz, tagesschau.de