Peter Althammer BR
Interview

Streit über Karikaturen Iranische Zeitung provoziert mit Zeichner-Wettbewerb

Stand: 25.08.2007 21:29 Uhr

Die größte iranische Tageszeitung hat zu einem "Karikaturenwettbewerb über den Holocaust" aufgerufen. Die westlichen Zeitungen hätten die "gotteslästerlichen Bilder des Propheten Mohammed unter dem Vorwand der Pressefreiheit" veröffentlicht, sagte ein Redakteur des Blattes "Hamshari". Nun werde man sehen, ob das auch für Holocaust-Karikaturen gelte. Tagesschau.de sprach darüber und über die Situation in Iran mit Peter Althammer, dem Leiter des ARD-Studios Istanbul.

tagesschau.de: Die iranische Tageszeitung "Hamshari" hat die "Zeichner der ganzen Welt" zu einem Karikaturenwettbewerb über den Holocaust aufgerufen. Was bezweckt die Zeitung Ihrer Meinung nach damit?

Peter Althammer: Ich gehe davon aus, dass in Iran die juristische Lage in Deutschland sehr gut bekannt ist. Dass man dort weiß, dass in Deutschland alles, was auf ein Leugnen des Holocaust hinausläuft, strafbar ist. Vermutlich will man versuchen, durch diesen Wettbewerb den Eindruck zu erwecken, dass es auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern Themen gibt, die man nicht mit Karikaturen abbilden kann. Und um zu zeigen, dass, wenn man es doch täte, dieses juristische und politische Konsequenzen hätte. Das ist vermutlich der tiefere Grund für diese Aktion.

Peter Althammer BR

Peter Althammer, der Leiter des ARD-Studios Istanbul.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt die iranische Regierung Ihrer Meinung nach bei dieser Aktion?

Althammer: Natürlich gibt es in Iran keine freie Presse, so wie wir das aus Deutschland kennen. Und das heißt, dass die iranischen Medien, wenn sie nicht direkt von staatlichen Einrichtungen kontrolliert und gesteuert werden, zumindest indirekt beeinflusst und gelenkt werden. Insofern kann man nicht ausschließen, dass staatliche Stellen solche Aktionen anregen, auf jeden Fall wissen sie aber davon.

tagesschau.de: Welche Rolle spielen die staatlichen Stellen in Iran generell bei den Unruhen der vergangenen Tage?

Althammer: Ich habe den Eindruck, dass die Sicherheitskräfte bisher zumindest nicht mit großer Entschlossenheit gegen die Demonstranten vorgegangen sind, um etwa die Sicherheit der dänischen Botschaft zu gewährleisten. Am vergangenen Sonntag habe ich in Istanbul bei zwei Demonstrationen selber erlebt, wie so etwas auch aussehen kann: Vor dem dänischen Generalkonsulat wurde demonstriert, aber ein Sicherheitsgürtel der Polizei verhinderte von vorneherein jeden Übergriff auf das Konsulatsgebäude. Es kam zu keinen Ausschreitungen. Die türkische Polizei hatte alles sehr gut unter Kontrolle, die Demonstrationen verliefen friedlich. Wenn man das mit den Bildern aus Teheran vergleicht, sind die Unterschiede schon sehr auffällig.

tagesschau.de: Wie ist die Stimmung in der iranischen Bevölkerung? Sind die Protestierenden eine kleine Minderheit oder werden sie von einem größeren Teil der Bevölkerung unterstützt?

Althammer: Ich gehe davon aus, dass es sich dabei nicht um eine von großen Teilen der Bevölkerung getragene Welle der Empörung handelt. Die Demonstration vor der dänischen Botschaft beispielsweise wurde von einem kleinen Kreis organisiert und vorbereitet, bei den anderen Demonstrationen dürfte es ähnlich laufen. Da werden Aktivisten gezielt an einen Ort gebracht, um dort zu demonstrieren.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie den Streit insgesamt? Ist das der viel zitierte "Kampf der Kulturen“? Oder könnte es sich dahin entwickeln?

Althammer: Zumindest im Hinblick auf die Situation in Teheran ist das sicher nicht so. Da handelt es sich um organisierte Gruppen, die politisch instrumentalisiert werden. In Zeiten, in denen über die iranische Atompolitik, die Äußerungen zum Existenzrecht Israels und die Finanzhilfen des Westens für Palästinenser diskutiert wird, ist es möglicherweise opportun, solche Ausschreitungen zu organisieren. Und ich betone nochmals: Das sind kleine Gruppen, die keinen breiten Widerhall in der iranischen Bevölkerung finden. Deswegen kann man in Iran von einem "Kampf der Kulturen“ überhaupt nicht sprechen. Ob das so werden könnte, ist eine andere Frage. Bisher sind es aber vor allem politisch interessierte Kreise, die einen solchen Eindruck erwecken möchten.

Das Interview führte Ralph Sartor, tagesschau.de