Interview

Interview mit Tom Buhrow zum US-Waffenrecht ''Ein tiefes Gefühl, dass Waffen dazugehören''

Stand: 17.04.2007 16:12 Uhr

Nach dem folgenschwersten Amoklauf in der Geschichte der USA ist die Debatte über schärfere Waffengesetze neu entbrannt. Eine landesweite Verschärfung ist nach Ansicht von USA-Experte Tom Buhrow jedoch relativ unwahrscheinlich. "Die Kultur des Waffenbesitzes ist zu tief verankert", sagt er im tagesschau.de-Interview.   

Nach dem folgenschwersten Amoklauf in der Geschichte der USA ist die Debatte über schärfere Waffengesetze wieder entbrannt. Eine landesweite Verschärfung ist nach Ansicht von Tagesthemen-Moderator und Ex-USA-Korrespondent Tom Buhrow jedoch relativ unwahrscheinlich: Die Kultur des Waffenbesitzes ist nach seiner Meinung in der US-Gesellschaft zu tief verankert.

tagesschau.de: Nach dem Amoklauf hat US-Präsident George W. Bush den Angehörigen zunächst persönlich kondoliert und dann seine Sprecherin das Waffengesetz in den USA verteidigen lassen. Warum hat Bush die Notwendigkeit gesehen, dieses Gesetz sofort in Schutz zu nehmen?

Tom Buhrow: Die Diskussion in den USA über dieses Thema ist ungefähr vergleichbar mit der deutschen Diskussion über Tempolimit auf Autobahnen. Es ist eine Art Kulturkampf zwischen denen, die sagen: "Wenn man das Recht auf freien Waffenbesitz abschafft, dann beschädigt man den Kern der Verfassung" und eben den - durchaus zahlreichen - Gegnern dieses Verfassungszusatzes. Das Thema ist in den USA schon lange umstritten. Dennoch: Es gibt viele, nicht nur am rechten Rand, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft hinein - die überzeugt sind, dass ein liberales Waffenrecht zum Kern der individuellen Freiheit gehört, die die USA ihren Bürgern gewährt.

Waffenrecht in den USA

In den USA werden jährlich etwa 350.000 Verbrechen mit Schusswaffen begangen, mehr als 11.000 Menschen werden dabei getötet. Die Rate solcher Morde liegt mit 3,8 pro 100.000 Einwohner deutlich höher als in anderen vergleichbaren Ländern. Insgesamt gibt es über 200 Millionen Pistolen und Gewehre in Privatbesitz. Der Zugang zu Waffen und der Umgang damit sind in Bundesgesetzen, Gesetzen der einzelnen Staaten sowie in kommunalen Vorschriften geregelt. Das "Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen" wurde vor mehr als 200 Jahren im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung verbrieft. Das Prinzip galt lange ohne größere Einschränkungen. Erst das so genannte Brady-Gesetz von 1994 verbot den Handel mit bestimmten Waffen.

tagesschau.de: Woher kommt dieses starke Bedürfnis danach, unbehelligt Waffen besitzen zu dürfen?

Buhrow: Das Land ist eigentlich von Siedlern gegründet worden, die nach Westen gezogen sind und dort Land erobert und verteidigt haben. Das Stück Papier, das sie von der Regierung bekamen, also der Rechtstitel auf ein bestimmtes Stück Land, war im Westen nichts wert, weil es dort keine staatliche Macht gab, um diesen Anspruch durchzusetzen. Man musste sich selbst verteidigen: gegen Indianer, gegen Gesetzlose, gegen Tiere. Daher rührt das Gefühl, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, und dass Waffen dazugehören.

tagesschau.de: Und wie drückt sich das heute aus?

Buhrow: Es gibt in den USA zum Beispiel überall auf dem Land Waffenshows. Das ist eine Art Flohmarkt für Waffen: Man kann gebrauchte Waffen kaufen, die sind nirgendwo gemeldet und haben schon fünf Mal den Besitzer gewechselt. Man braucht nur den Führerschein vorzuzeigen, und das war's. Keinerlerlei Kontrolle. Null. Die Leute wollen noch nicht mal, dass die Waffen registriert werden. Sie wollen nicht, dass die Regierung weiß, wer eine Waffe hat.

Gute Freunde von mir, die in Chicago leben, haben sogar mehrere Waffen. Ich war ziemlich überrascht, als ich das erfuhr, aber für sie ist es vollkommen selbstverständlich.

"Ändert die Kultur, dann ändere ich die Gesetze"

tagesschau.de: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass nach dem Massaker in Virginia die Waffengesetze in den USA geändert werden?

Buhrow: Es gibt in den USA kein Bundesgesetz zum Waffenbesitz. Das können die Einzelstaaten regeln. Einige Städte oder Staaten haben schärfere Gesetze als andere. Nach dem Massaker an der Columbine-High-School 1999 gab es eine Eltern-Bewegung, die für schärfere Waffenkontrollgesetze eintrat. Das fand starken Widerhall. Präsident Bill Clinton hat damals gesagt: "Ändert die Kultur, dann ändere ich die Gesetze." Aber die Kultur des Waffenbesitzes ist so tief verankert, dass ein Politiker daran nichts ändern kann. Ich bin sicher, dass es eine ähnliche Bewegung wie damals nach dem Columbine-Attentat auch jetzt wieder geben wird. Meine Vorhersage ist aber, dass sie nicht zu einer in ganz Amerika geltenden bundesgesetzlichen Regelung führen wird.

tagesschau.de: Welche Verbindungen bestehen zwischen Bushs Republikanischer Partei und der mächtigen US-Waffenlobby, vertreten durch die National Rifle Association (NRA)?

Buhrow: Die NRA gehört zu den wichtigsten Wahlkampf-Spendern der Republikaner. Die Partei sieht in ihr mit Recht eine ihrer bedeutendsten Unterstützer-Gruppen. Und die NRA ist genau in den Regionen stark, in denen auch republikanische Kandidaten stark sind.

"Starke Reaktion"

tagesschau.de: Wenn sich in den USA Amokläufe ereignen, bei denen Menschen sterben, wird in den Medien quasi reflexhaft die Diskussion um die liberale amerikanische Waffengesetzgebung geführt. Ist das angemessen?

Buhrow: Es gibt zwei Themen, die bei uns hier in Deutschland besonders starke Reaktionen gegenüber den USA hervorrufen: die Todesstrafe und das Waffengesetz. Wenn es darum geht, reagieren wir als Europäer entsetzt und fühlen uns kulturell überlegen. Das greift natürlich zu kurz. Aber man muss wissen, dass Waffen in den USA schneller eingesetzt werden als hierzulande. Wo bei uns "nur" jemand zusammengeschlagen wird, sind in den USA oft Waffen im Spiel. Die hohe Verbreitung von Waffen führt dazu, dass die Schwelle relativ niedrig ist.

tagesschau.de: Nach dem Massaker an der Columbine-High-School gab es massive Forderungen, die Sicherheitsmaßnahmen an Schulen zu verstärken. Ist das tatsächlich landesweit geschehen?

Buhrow: Sicherheitsvorkehrungen sind in vielen städtischen Schulen zum Teil schon lange in Kraft. In ein paar New Yorker High-Schools müssen die Schüler zum Beispiel jeden Tag durch eine Schranke mit Metall-Detektoren. Aber das gibt es noch nicht im ganzen Land. Und eine Uni wie die in Virginia zu sichern, ist nicht leicht. Kann man sich vorstellen, dass jeden Tag 20.000 Leute durch eine Schranke mit Metall-Detektoren gehen? Aber vermutlich wird das irgendwann so kommen.

Die Fragen stellt Sabine Klein, tagesschau.de