Das House-of-Parliament in London spiegelt sich in einer Pfütze | Bildquelle: AFP

Absenkung der Mehrwertsteuer Als die Briten Steuern senkten

Stand: 01.07.2020 18:58 Uhr

Die Bundesregierung will mit einer abgesenkten Mehrwertsteuer den Konsum ankurbeln. Ein Schritt, der in Großbritannien 2008 schon einmal gemacht wurde - mit mäßigem Erfolg, aber interessanten Erkenntnissen.

Von Eric Graydon, ARD-Studio London

Im Jahr 2008 steckt die Welt mitten in einer der heftigsten Finanzkrisen der Geschichte. Kein Mensch ohne weißen Kittel weiß, was ein Coronavirus ist, und im britischen Unterhaus wird noch rückhaltlos gebrüllt. 

Der damalige Finanzminister Alistair Darling mit dem Haushaltsentwurf 2008 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Der damalige Finanzminister Alistair Darling mit dem Haushaltsentwurf 2008

Für diese Gefühlsausbrüche sorgt ein Mann mit weißen Haaren und randloser Brille namens Alistair Darling, seines Zeichens britischer Finanzminister. Er hat gerade bekannt gegeben, dass er die Mehrwertsteuer im Land von 17,5 auf 15 Prozent absenken will. Gelten soll das ab dem 1. Dezember 2008 bis zum 31. Dezember 2009. Die Händler sollten die Steuersenkung so schnell wie möglich an die Kundschaft weitergeben.

Güter und Dienstleistungen würden billiger, dadurch werde der Konsum angeregt, was wiederum das Wachstum antreiben würde. Die Motivation klingt also vertraut. Der deutsche Finanzminister erhofft sich von der deutschen Mehrwertsteuersenkung ganz ähnliche Effekte.

Anstieg des Konsums um ein Prozent

Eine Studie des renommierten Institute for Fiscal Studies kommt zu dem Ergebnis, dass etwa der Effekt auf Preise nicht sonderlich langlebig gewesen sei. So hätten die Händler zwar in den ersten zwei Monaten die Preise gesenkt, sie dann aber schrittweise wieder angehoben. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die 13-monatige Absenkung der Mehrwertsteuer zu einem Anstieg des Konsums um ein Prozent geführt habe. Die Kosten für den Staatshaushalt beliefen sich auf rund 13 Milliarden Pfund.

Es reicht nicht, nur die Steuer zu senken

Also war es das wert? Der britische Ökonom Peter Levell vom Institute of Fiscal Studies sagt, damals sei alles genauso gelaufen, wie man es erwartet habe: Und wenn man sich nur die Nachfrage ansehe, dann sei das auch durchaus ein ernst zu nehmender Effekt. Allerdings sei es unmöglich, nur über eine Mehrwertsteuerabsenkung die Wirtschaft zum Laufen zu kriegen.

Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt

Das damalige Experiment habe aber einige interessante Lektionen hervorgebracht. So müssten die Unternehmen zum Beispiel erstmal in der Lage sein, überhaupt auf größere Nachfrage zu reagieren.

Außerdem müsste der Wettbewerb auch immer noch so stark sein, dass die Unternehmen gezwungen seien, die Mehrwertsteuerabsenkung auch wirklich weiterzugeben. Verbraucher müssten zudem genug Vertrauen haben, um auch wirklich einzukaufen. Der andere ganz wichtige Punkt sei, beim Anheben der Mehrwertsteuer genau aufzupassen. Das Ende der Absenkung müsse in einen Zeitraum fallen, in dem die Wirtschaft wieder anzieht.

Sonst könne das zu einer ganz schlechten Zeit zu einem Rückgang der Nachfrage führen. Großbritannien musste 2010 nach dem Ende der Mehrwertsteuersenkung einen deutlichen Rückgang der Nachfrage verkraften.

 

Großbritannien und das Mehrwertsteuer-Experiment
Eric Graydon, ARD London
01.07.2020 18:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung „Zeitfragen“ am 30. Juni 2020 um 19:10 Uhr.

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