Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer am 11.11.1989 | Bildquelle: picture alliance / dpa

Wende aus US-Perspektive "Der Mauerfall war voller Dramatik"

Stand: 07.11.2019 09:51 Uhr

Auch in den USA wird mit zahlreichen Veranstaltungen und Diskussionsforen an die Ereignisse des 9. November 1989 erinnert - und gleichzeitig die Ironie der Geschichte betont.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Als vor vier Jahren der 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung gefeiert wurde, hielt sich das Interesse in den USA in Grenzen. Dagegen berichten viele US-Medien derzeit ausführlich über den 30. Jahrestag des Mauerfalls. In Washington gibt es dazu fast täglich Diskussionsveranstaltungen. Die Historikerin Hope Harrison von der George Washington University hat dafür eine einfache Erklärung: "Der Mauerfall war voller Dramatik. Amerika liebt gute Geschichten, bei denen das Gute über das Böse triumphiert, die Demokratie über den Kommunismus. Das ist wie ein toller Hollywood-Film."

Harrison ist unter Amerikas Historikern die Expertin für die Berliner Mauer, die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung. Pünktlich zum 30. Jahrestag ist gerade ihr drittes Buch, "After the Berlin Wall", erschienen - über Deutschland nach dem Fall der Mauer. Harrison verbindet mit dem Thema sehr persönliche Erinnerungen. Als junge Historikerin erfuhr sie von der Maueröffnung im Flugzeug nach Berlin, wo sie an einem Seminar teilnehmen sollte.

Die nächsten zehn Tage erlebte sie als Augenzeugin in Berlin die Aufbruchsstimmung und den Jubel der Bevölkerung. Viele Amerikaner freuten sich mit den Deutschen und waren gleichzeitig stolz über den Erfolg der westlichen Demokratie: "Wir hatten den Kalten Krieg gewonnen. Die Ostdeutschen wollten das kommunistische System nicht mehr. Sie wollten keine Mauer, sondern die Offenheit und Freiheit des Westens."

US-Mauerpläne: Ironie der Geschichte

Wenn man Amerikaner fragt, wer am meisten zum Fall der Mauer beigetragen hat, dann werden immer wieder zwei Namen genannt: Papst Johannes Paul II., der die regimekritische Gewerkschaft Solidarnosc in Polen stärkte. Und natürlich der damalige US-Präsident Ronald Reagan und seine berühmte Forderung an der Berliner Mauer: "Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer nieder!"

Unstrittig ist, dass Reagans Nachfolger, George Bush senior, viel dazu beitrug, dass nicht nur die Sowjetunion ein wiedervereinigtes Deutschland akzeptierte, sondern auch die europäischen Nachbarn ihre Sorge vor einem allzu starken Deutschland überwanden. Die Historikerin Harrison empfindet es als Ironie der Geschichte, dass es heute ausgerechnet der US-Präsident ist, der Amerika mit einer großen Mauer an der Grenze zu Mexiko abschotten will: "Es ist traurig, dass 30 Jahre später überall neue Mauern entstehen. Wir erleben den Aufstieg der Rechtsextremen und neuen Protektionismus."

"Mauern lösen keine Probleme"

Während viele Amerikaner nach dem Fall der Mauer dachten, die westliche Demokratie stehe vor einem weltweiten Siegeszug, spüre sie heute bei ihren Studierenden an der George Washington University die Sorge vor einem Rückfall in autoritäre Strukturen. Auch das Erstarken der Rechtsextremen in Deutschland beunruhige junge Amerikaner: "Wenn sie etwas über das heutige Deutschland wissen, dann über den Aufstieg der Rechtsradikalen. Denn darüber wird in den Medien so breit berichtet."

Harrison hofft, dass das Pendel der Geschichte wieder stärker in die Richtung von Freiheit und Demokratie ausschlägt. Ihre Studierenden warnt sie vor ungerechtfertigtem Pessimismus. Schließlich wähle die Mehrheit der Deutschen eben nicht die AfD. Und die Mehrheit der Amerikaner befürworte immer noch ein enges Bündnis mit den Demokratien in Europa. "Wir alle müssen uns jedoch selbst dafür einsetzen, unsere offene Gesellschaft, die Demokratie und die Bedeutung transatlantischer Beziehungen zu bewahren." Nach 30 Jahren Mauer-Forschung ist Harrison überzeugt: Mauern lösen keine Probleme. Und von Mauern gehe immer Gewalt aus.

30 Jahre Mauerfall: USA feiern - und Trump will eigene Mauer
Martin Ganslmeier, ARD Washington
07.11.2019 08:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. November 2019 um 06:20 Uhr.

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