Menschen am Brandenburger Tor feiern den Fall der Berliner Mauer. | Bildquelle: imago/imagebroker

Frankreich und der Mauerfall Große Sorge vor einem Wiedererstarken

Stand: 09.11.2019 17:03 Uhr

Als vor 30 Jahren die Mauer in Berlin geöffnet wurde, schaute Frankreich nicht nur mit Begeisterung auf diese Entwicklung. Was hat sich seitdem getan und wie denken die Franzosen heute über die deutsche Wiedervereinigung?

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

An den 9. November vor 30 Jahren können sich noch viele Franzosen erinnern. "Es war wirklich eine unerwartete Freude. Wir wussten, dass es auch schief gehen könnte . Es waren gemischte Gefühle", blickt Sylvie Goulard, Ex-Europaabgeordnete und glücklose Kandidatin für die neue EU-Kommission zurück. Es sei ihrer Erinnerung nach eine der größten Freuden ihres Lebens gewesen.

Goulard hat danach als junge Diplomatin an den internationalen Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zur Vorbereitung der deutschen Einheit teilgenommen. Und nicht nur diejenigen, die beruflich mit Deutschland zu tun hatten, standen noch ganz unter dem Eindruck der Maueröffnung.

Angst vor einem neuen Staat

Aber nicht alle Franzosen waren so rundweg begeistert von der historischen Wende. Adeline, damals zwölf, brach sogar in Tränen aus, als sie die Bilder im Fernsehen sah: "Ich guckte gerade eine meiner Serien, als die Eilmeldung kam. Und ich hatte auf einmal ganz viel Angst. Meine Mutter war im KZ und hatte mir immer gesagt, dass eine deutsche Wiedervereinigung eine Gefahr für die Menschheit wäre."

1/22

Die Berliner Mauer

Bilder aus einer geteilten und wieder vereinten Stadt

Volkspolizisten errichten am Potsdamer Platz eine Stacheldrahtbarriere

Volkspolizisten errichten am Potsdamer Platz hinter einer Sperrkette eine Stacheldrahtbarriere. Im Hintergrund ist die menschenleere Leipziger Straße zu sehen. Am frühen Sonntagmorgen des 13. August 1961 wurde mit der Errichtung von Straßensperren und dem Bau einer Mauer begonnen, um den Ostteil Berlins vom Westteil abzusperren. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Ihre Mutter hat Adeline dann beruhigt. Aber die Sorge vor einem wiedererstarkenden großen Deutschland war den Franzosen damals alles andere als fremd. Nicht von ungefähr wurde damals gern der Spruch des französischen Literaturnobelpreisträgers Francois Mauriac zitiert: Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich zufrieden bin, dass es zwei davon gibt.

Paris stellte zwei Bedingungen

Die Historikerin Helene Miard-Délacroix fasst die Stimmung so zusammen: "Die normalen Franzosen haben sich für die Deutschen wahnsinnig gefreut. Sehr schnell kam aber die Befürchtung auf, jetzt haben wir neben uns ein großes Volk, das nicht mehr kontrolliert wird und irgendwann mal politische Ansprüche haben wird."

Die Deutschland-Expertin nimmt aber den damaligen französischen Präsidenten Francois Mitterand gegen den oft geäußerten Verdacht in Schutz, er habe aus Angst vor dem größeren Deutschland die Einheit hintertreiben wollen.

"Der Weg zur Wiedervereinigung wurde für normal gehalten", sagt sie. Die französische Diplomatie wollte allerdings nicht die Kontrolle verlieren. Deshalb habe die Regierung Mitterand zwei Bedingungen gestellt, erklärt Miard-Délacroix: Das wiedervereinigte Deutschland müsse die Nachkriegsgrenzen anerkennen und sich noch tiefer in der Europäischen Gemeinschaft verankern.

„Der Rhythmus war verrückt“

Letztendlich ging es dann alles sehr schnell, die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen konnten im September 1990, nach nur sechs Monaten, abgeschlossen werden. Die Teilnehmerin Goulard findet das immer noch unglaublich: "Der Rhythmus war verrückt." Die Dinge hätten sich permanent verändert. "Ein deutscher Diplomat hat von einer Sternstunde der Diplomatie gesprochen, und so ist es im Nachhinein meiner Meinung nach."

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen und die Bundesrepublik ist fest in Europa verankert. "Insofern hat sich vieles gelegt. Ich glaube, dass die meisten Leute das ad acta gelegt haben", sagt Miard-Délacroix.

Auch der Historiker und Deutschlandkenner Nicolas Offenstadt weist auf die intensive Annäherung im Rahmen der europäischen Integration hin. Zwischen Deutschland und Frankreich habe sich das Gefühl einer Art Schicksalsgemeinschaft in einer globalisierten Welt herausgebildet.

Faule Kompromisse

Jeder verantwortliche Politiker beiderseits des Rheins preist die deutsch-französische Freundschaft. Das konkrete politische Geschäft jenseits der Sonntagsreden ist allerdings viel komplexer, hat Goulard in vielen französisch-deutschen Verhandlungen beobachtet: "Es gibt wenige Länder, die so unterschiedlich sind und denken: Föderal in Deutschland, zentralisiert in Frankreich."

Es koste viel Mühe, Kompromisse auszuhandeln. Doch in den vergangen Jahren seien die oft faul gewesen. Jeder sei bei seiner Linie geblieben und tue bloß partnerschaftlich, urteilt die ehemalige Diplomatin.

Dominanz des deutschen Wirtschaftsmodells

Die Forscherin Miard-Délacroix schränkt ein, dass einige Franzosen eine Art Hegemonie Deutschlands in Europa beklagen. Diese Vorherrschaft werde durch die Dominanz des deutschen Wirtschaftsmodells durchgesetzt.

Offenstadt nennt das Beispiel Eurokrise und Griechenland. "Man hat gesehen, wie Deutschland den Sparkurs durchgedrückt hat. Dann kamen eine ganze Menge ziemlich platte antideutsche Stereotype wieder hoch." Das zeige, dass die Beziehungen in einer Spannungsperiode ziemlich anfällig sein können.

Schüler wollen mehr wissen

Und wie denken die, die damals noch gar nicht geboren waren? Besuch in einem Gymnasium in Neuilly bei Paris. Die 17-Jährigen haben im Geschichts- und im Deutschunterricht von Mauerfall und deutscher Einheit gehört. Nicht genug, findet Madeleine: "Das finde ich schade, weil das wirklich etwas sehr Wichtiges war, das unsere Epoche geprägt hat."

Angelina stellt den Bezug zur Gegenwart und den erstarkenden nationalistischen und populistischen Reflexen her: Die Menschen müssten sich an diesen extrem starken Momente für die Demokratie und für Europa erinnern, um nicht zu vergessen, dass das auch wieder kippen kann. 

Auch die in Deutschland geborene Adelaide hält es für ganz wichtig, die nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs gewachsene Freundschaft zu erhalten. "Leider gibt  es aber zu viele Franzosen, die Vorurteile gegenüber den Deutschen haben."

Annexion oder Wiedervereinigung? Frankreich streitet über Ende der DDR
Martin Bohne, ARD Paris
09.11.2019 14:55 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. November 2019 um 05:55 Uhr.

Darstellung: