Cedric Villani | Bildquelle: AFP

Vor Frankreich-Stichwahl Mathe-Dandy für Macron

Stand: 15.06.2017 16:36 Uhr

Unter den vielen Polit-Neulingen, die Macrons La République en Marche am Sonntag in die Stichwahl für das Parlament ins Rennen schickt, sticht er hervor: Cédric Villani, Mathe-Genie mit Star-Status und dem Look eines Edel-Dandys.

Ein Porträt von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Als erstes fällt natürlich diese Spinne auf. Cédric Villani, preisgekrönter Mathematiker, trägt an seinem Jackett immer eine große, schillernde Spinnen-Brosche.

Genial und schräg. Woher kommt diese Schrulle? "Das sage ich Ihnen nicht, aber irgendwann habe ich beschlossen, diese Spinnen-Broschen zu tragen. Das ist überaus wirksam, wenn man mit Leuten in Kontakt treten will." Villani grinst ein bisschen, seine langen dunklen Haare fallen ihm ins Gesicht, er sieht aus wie ein Edelmann aus längst vergangenen Zeiten.

Und ist doch überaus an der Aktualität interessiert, daher engagiert er sich auch für Macron. "En Marche ist eine einzigartige Partei, die mich direkt anspricht, wegen ihrer Prinzipien: Europa steht im Zentrum dieser Partei, sie ist pragmatisch, setzt auf Fortschritt, auf Kompetenzen der Zivilgesellschaft."

Cédric Villani: Kandidat von "La République en marche" für Frankreichs Nationalversammlung | Bildquelle: AFP
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Die Spinnen-Brosche ist sein Markenzeichen: Cédric Villani.

Politneulinge mit Kompetenz

Sehr viele der künftigen Abgeordneten von En Marche stammen aus jener Zivilgesellschaft. Welche Rolle sieht der Mathematiker Villani für sich in diesem Kreis? "Als Forscher bin ich sehr kompetent in Fragen der Wissenschaft, andere Kollegen kennen sich mit der Medizin aus. So kommt es, dass wir in fast allen Bereichen als Politiker Experten haben werden, die eine genaue Kenntnis der Probleme haben, keine aus zweiter Hand, sondern eine direkte Kenntnis."

Der 43-jährige Villani leitet das Institut Henri Poincaré in Paris. Das zentrale französische Institut für Mathematik und Physik. In seinem Büro steht eine Büste des Namensgebers Poincaré. Der französische Mathematiker ist einer von Villanis Helden.

Ist das nicht komisch, jetzt plötzlich statt in mathematische Analysen in Lokalpolitik einzutauchen? "Ich war Forscher, Lehrer, bin seit acht Jahren Direktor dieses Instituts. Und als Direktor habe ich ständig mit unterschiedlichsten Leuten und Problemen zu tun. Es geht um Finanzierung, um Stellen, um Politik, viele Fragen, die wir hier diskutieren, sind in der Politik ähnlich."

Cédric Villani geht auf einer Straße in Paris. | Bildquelle: AFP
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En Marche: Villani steht auf dem Sprung in die Nationalversammlung.

In seinem Wahlkreis in Führung

Villani unterbricht sich, das Plakat mit seinem Konterfei, das an die Wand geklebt war, saust nach unten. Kein böses Omen. Die Aussichten für den Sonntag sind exzellent: In seinem Wahlkreis in der Essonne im Süden von Paris hat Villani 47,5 Prozent der Stimmen erhalten.

Wie hat es den Mathematiker überhaupt zu En Marche verschlagen? "Ich habe Emmanuel Macron vor vier Jahren bereits getroffen und wusste sofort: Dieser Mann weiß, was er will. Er kann uns alle zusammenbringen, dazu seine Idee, Europa nach vorne zu bringen, statt es zu verstecken. Das hat mich sofort angezogen."

Auch bei dem nüchternen Mathematiker hat das Verführungspotenzial des jungen Präsidenten also gewirkt. Villani weiß aber auch, dass sich Macron, seine Regierung und seine Bewegung keine Fehler leisten dürfen. "Ich bin Optimist, aber wir alle wissen, dass wir zum Erfolg verdammt sind."

Auch Mathe-Genies berechnen nicht alles im Voraus

Villani wischt mit der Hand durch die Luft. Natürlich ist die künftige Zusammensetzung der Assemblée eine Gleichung mit vielen Unbekannten, aber Villani meint zu bemerken, dass sich etwas tut, im Land: "Es ändert sich viel, vor allem die Stimmung ist ganz anders als noch vor zwei Monaten."

Man merkt, Villani ist zu 100 Prozent von seinem Präsidenten überzeugt, er will einfach an Macron und dessen Neuanfang glauben. Hat er vielleicht Zahlen-Modelle, die einen Erfolg belegen? "Man muss nicht meinen, dass die Mathematiker alles kalkulieren oder vorausberechnen." Er wird jetzt erst einmal versuchen, seinen Teil zum Erfolg beizutragen.

Der Mann mit der Spinne: Mathematik-Genie Cédric Villani
B. Kostolnik, ARD Paris
15.06.2017 17:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 11. Juni 2017 um 19:20 Uhr im Ersten.

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