Medizinisches Personal mit dem russischen Impfstoff Sputnik V | AFP

Coronavirus in Russland Zum Impfen in die Oper

Stand: 23.01.2021 13:34 Uhr

Impfen beim Opernbesuch oder Einkaufen - Russland geht mit seiner Massenimpfung unkonventionelle Wege. Die Impfbereitschaft ist allerdings nicht allzu hoch, der Impfstoff Sputnik V nach wie vor umstritten.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Für Maxim Pawlenko ist es ein ganz besonderer Opernabend. "Arlecchino" steht auf dem Spielplan. An der Moskauer Oper eine Premiere, und das gleich im doppelten Sinn. Denn seit diesem Wochenende kann man sich in der Moskauer Oper auch gegen Corona impfen lassen. Unkompliziert, ohne Voranmeldung.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Maxim Pawlenko war einer der Ersten. Eine Stunde vor der Vorstellung ein Gespräch mit der Ärztin, dann die Impfung. "In der zweiten Welle sind viele, die mir nahestehen, krank geworden", sagt der 58-Jährige. "Ich bin es leid, Angst zu haben. Ich möchte ruhig leben." Nach der Impfung dann die Aufführung: Nur ein Viertel der Plätze ist besetzt. Demnächst werden die Vorschriften gelockert, die Hälfte ist dann erlaubt.

Maksim Pawlenko wird geimpft | ARD-Studio Moskau

Eine Impfung vor der Vorstellung - ohne Anmeldung. Bild: ARD-Studio Moskau

Geringe Impfbereitschaft

Impfen in der Oper, in Einkaufszentren - in Russland will man es den Menschen so leicht wie möglich machen. Es soll keine beschwerlichen Wege zu Impfzentren wie in Deutschland geben. Doch die Impfbereitschaft der Menschen ist gering.

Nach einer Umfrage von Gallup International wollen sich nur 30 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Andere Forscher kommen auf gerade mal 40 Prozent. Immerhin, laut Zahlen des Jobportals "Superjob" ist die Impfbereitschaft seit Dezember um acht Prozent gestiegen. Das liegt vielleicht auch an Vergünstigungen für Geimpfte, die es geben soll. Bereits jetzt dürfen Rentner in Moskau mit Impf-Zertifikat wieder wie früher kostenlos mit Bussen und der Metro fahren.

1,5 Millionen Geimpfte?

Geimpft wird in Russland mit Sputnik V, einer Eigenentwicklung, und einem weiteren russischen Impfstoff. BioNTech/Pfizer- oder Moderna-Impfstoffe sind in Russland nicht erhältlich.

Mehr als 1,5 Millionen Menschen seien bereits mit Sputnik V geimpft, hauptsächlich Menschen aus Risikogruppen, sagt der russische Staatsfonds RDIF, der die Entwicklung von Sputnik V finanziert hat. Fachleute vermuten wesentlich geringeren Zahlen.

Der Impfstoff scheint sicher und effektiv zu sein. Davon gehen die meisten Experten aus. Sie kritisieren allerdings die mangelnde Transparenz. "Die Kenntnisse über die Effektivität und die Sicherheit sind sehr vorläufig und beziehen sich auf die Pressemeldungen des Herstellers", sagt der Epidemiologe Wassili Wlassow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Lieferschwierigkeiten außerhalb der Großstädte

Ob die Impfkampagne landesweit wirklich zur Massenimpfung wird, ist fraglich. Nicht nur die geringe Impfbereitschaft ist ein Problem. In den Regionen außerhalb der Großstädte gibt es zudem Lieferschwierigkeiten. Nach Recherchen der BBC gibt es zum Beispiel im Ural viel zu wenig Impfstoff. Gerade mal 15.000 Dosen seien bislang in die Region Swerdlowsk geliefert worden. "Sehr wenig", gibt Pavel Krekow zu, der stellvertretende Gouverneur der Region. Man warte auf eine weitere Lieferung. Ähnlich sieht es in den Regionen Kurgan und Tscheljabinsk aus.

Dmitri Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, erklärt den Mangel an Impfstoff in den Regionen durch die "riesige Geografie" des Landes. "Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass irgendwo angesichts der steigenden Nachfrage nach diesem Impfstoff vorübergehend Schwierigkeiten auftreten können", so Peskow.

Impfungen für alle - jedenfalls in Moskau

Mangel an Impfstoff - die Hauptstadt Moskau hat dieses Problem nicht. Immer schon war die Metropole in Sachen Versorgung besser gestellt als die Regionen. Hier ist genug Impfstoff vorhanden für alle, die sich impfen lassen wollen.

In der Moskauer Oper werden abends die Theaterbesucher geimpft, tagsüber können die Anwohner kommen. Sie haben von den Behörden eine SMS bekommen mit dem Hinweis, dass sie sich in der Oper impfen lassen können. Die 67-jährige Rentnerin Tatjana Konstantinowna ist dem Aufruf gerne gefolgt. Jetzt hofft sie darauf, dass der Impfstoff wirkt. "Wenn wir krank werden, dann vielleicht in leichter Form", sagt sie. "Oder vielleicht wir werden gar nicht krank."

Impfen in der Oper: Die Idee hatte Dmitri Bertmann, der künstlerische Leiter der Oper. In der Rekordzeit von nur einer Woche genehmigte die Stadt Moskau das Projekt. Für Bertmann auch ein Beitrag dazu, dass es möglichst bald wieder ein normales Kulturleben gibt. Nicht nur in Moskau. "Dieses Virus ist sehr grausam", sagt Bertmann. "Wir sind die Glücklichen, weil wir in Moskau sind. Aber ich kenne so viele Theater an anderen Orten, an denen die Leute wenig verdienen, wo sie nicht singen können."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Januar 2021 um 09:18 Uhr.