Flüchtlinge in Marokko in einem Wald bei Tanger | Bildquelle: REUTERS

Teil IV der Serie Raus aus Marokko

Stand: 21.11.2018 14:01 Uhr

Marokko ist Einwanderungs- und Transitland: Viele der Menschen aus Subsahara-Afrika wollen nach Europa. Doch auch junge Marokkaner zieht es zunehmend dorthin. Marokkos Regierung setzt dagegen auf Zusammenarbeit mit der EU.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

"Marokko war, ist und wird niemals Gendarm für irgend jemanden sein!" Das will Khalid Zeroualí ganz klar verstanden wissen. Zeroualí ist ein wichtiger Mann im marokkanischen Innenministerium in der Hauptstadt Rabat - als Chef der Abteilung Migration und Grenzüberwachung.

Wenn er gefragt wird, warum momentan immer mehr Migranten von Marokko aus nach Spanien übersetzen, dann nennt er drei Gründe. Erstens: Es habe sich herumgesprochen, dass Migranten und Flüchtlinge seit den Jahren 2014 und 2015 gute Chancen haben, einen legalen Aufenthaltsstatus in Europa zu bekommen. Zweitens: Die Rettungseinsätze von Hilfsorganisationen im Mittelmeer lassen viele glauben, "wenn ich aufs Wasser gehe, werde ich gerettet". Und drittens verbreiten Drogenhändler die Botschaft, dass sie Migranten und Flüchtlinge umsonst von Marokko nach Europa bringen. Khalid Zeroualí bilanziert: "In unserer Region wirken die Faktoren, die Migration attraktiv erscheinen lassen, stärker als die Maßnahmen, die Migration abwehren sollen."

Risiko der Überfahrten kein Hinderungsgrund

In der Hafenstadt Tanger kann der 14-jährige Mohammed die spanische Küste mit bloßem Auge erkennen. Mohammed will seinen richtigen Namen nicht sagen, aber er erzählt, dass er nach Spanien will. Er hat die Schule in der fünften Klasse abgebrochen, es gab Ärger mit dem Stiefvater, Beschimpfungen, Schläge. Mohammed will weg. Er will es machen wie so viele seiner Altersgenossen: versuchen, sich auf einem Lastwagen zu verstecken, der dann mit der Fähre nach Spanien übersetzt - oder auf ein Schlauchboot zu kommen.

"Dort ist es besser als in Marokko", glaubt der 14-Jährige. "Dort bringen sie dich in einem Zentrum unter, kleiden dich, geben dir zu essen, unterrichten dich. Hier in Marokko sind die Jugendzentren wie Gefängnisse, da wirst du misshandelt, es gibt nicht genug zu essen." Das alles will Mohammed von Freunden erfahren haben, die in Spanien sind. Ob er das Risiko der Überfahrten kennt, fragen wir. "Klar", sagt Mohammed, "das kann den Tod bedeuten". 

Jugendliche in Marokko | Bildquelle: AFP
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Marokkanische Jugendliche versuchen, auf Lkw zu springen, die vom Hafen Nador nach Spanien fahren.

Transitland für Menschen aus Subsahara-Afrika

Ein Stückchen weiter, auf einer anderen Bank, sitzen Schwarzafrikaner. Auch sie warten auf eine Chance zur Überfahrt. Das ist Marokkos Problem: Aus den Subsahara-Staaten kommen Flüchtlinge und Migranten. Die einen fliehen vor Krieg und Terrorismus, die anderen suchen eine wirtschaftliche Perspektive. Manche wollen in Marokko bleiben, andere unbedingt weiter nach Europa. Sie campieren in den Städten, andere Gruppen verstecken sich im Norden Marokkos in den Wäldern und warten auf ihre Chance, übers Mittelmeer zu kommen.

Dann machten die marokkanischen Behörden Razzien. Sie holten die Migranten von den Küsten weg und brachten sie weit ins Landesinnere. Es hagelte Vorwürfe: Die Polizei sei brutal vorgegangen, es habe Menschenrechtsverletzungen gegeben. "Die marokkanischen Sicherheitsbehörden sind massiv und mit zu viel Gewalt gegen Migranten aus Subsahara-Afrika vorgegangen, die doch zu den schwächsten Gruppen im Land gehören", kritisiert Khadija Ainani von der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH.

Im Innenministerium bestreitet man das. Zudem verweist der Chef der Migrationsabteilung Zeroualí auch darauf, dass Marokko Zehntausenden Migranten einen legalen Aufenthalt gegeben habe.

Flüchtlinge in Marokko in einem wilden Lager bei Casablanca | Bildquelle: REUTERS
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Subsaharische Flüchtlinge haben sich Unterkünfte in der Nähe von Casablanca gebaut. Sie hoffen auf eine Chance, nach Europa zu kommen.

Schleuser setzen gezielt auf Minderjährige

Aber es sind nicht nur Migranten aus anderen afrikanischen Staaten. Hinzu kommen immer mehr Marokkaner, die nach Europa wollen. Und: Zunehmend sind es minderjährige Westafrikaner und Marokkaner, die in Richtung Spanien drängen.

Für Zeroualí ist eines völlig klar: Die Schleusermafias nutzen alles, um Geld zu verdienen: "Wenn die Schleusernetzwerke wissen, dass bestimmte Personengruppen nicht aus Europa abgeschoben werden, dann konzentrieren sie ihr Geschäft genau darauf." Weil europäische Staaten wie Spanien, Frankreich oder Deutschland minderjährige, allein reisende Migranten nicht abschieben, setzten Zeroualí zufolge mehr und mehr Familien und natürlich die Schleusermafia genau auf diese Altersgruppe.

Seiner Ansicht nach müssten afrikanische Staaten und Europäer dagegen gemeinsam vorgehen. Marokko habe aber nur begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen. Deshalb seien neue Verhandlungen mit der Europäischen Union über finanzielle Hilfen schon mal ein Anfang, so der Abteilungsleiter im marrokanischen Innenministerium, Zeroualí. "Momentan reden wir über 140 Millionen Euro. Das reicht natürlich nicht, aber es ist ein Ausgangspunkt." Marokko setze auf eine nachhaltige Zusammenarbeit, "denn das Phänomen Migration wird nicht einfach morgen verschwinden".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2018 um 12:37 Uhr.

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