Ölförderung am Maracaibo-See in Venezuela | Bildquelle: REUTERS

Maracaibo-See Sinnbild von Venezuelas Öl-Kollaps

Stand: 05.04.2019 02:20 Uhr

Venezuela erleidet einen wirtschaftlichen Zusammenbruch historischen Ausmaßes. Dank einer boomenden Erdölindustrie war das Land einst das reichste in Südamerika. Heute verrotten die Anlagen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Kinder plantschen am Ufer des Maracaibo-Sees. Die Schule ist mal wieder ausgefallen, weil es keinen Strom gibt - wie so oft in den letzten Monaten. Dann funktionieren die Klimaanlagen nicht und die feuchte Hitze lässt sich kaum ertragen. An einem Rohr, das ins trübe Wasser ragt, kleben dicke schwarze Ölreste.

Auf dem Binnensee an der Karibikküste, dem früheren Zentrum der venezolanischen Erdölförderung, nimmt die Umweltkatastrophe ihren Lauf. Immer wieder tritt aus den verrottenden Anlagen in großen Mengen Öl aus. Fischersfrau Yelick Zamora beobachtet die spielenden Kinder von einem schattigen Plätzchen aus:

"Unsere Männer versuchen Stellen zu finden, wo das Wasser etwas sauberer ist, damit sie fischen können. Wenn wir hier einen frischen Ölteppich haben, können wir gar nicht ins Wasser gehen. Die Angeln gehen kaputt und von den Chemikalien im Wasser bekommen wir Hautausschläge, Ekzeme und Tumore."

Weniger Ölteppiche einzig positive Nachricht

In letzter Zeit gebe es allerdings weniger Ölteppiche, erzählt die Frau. Das sei der einzige positive Nebeneffekt der immer weiter einbrechenden Produktion, erklärt eine fünfköpfige Gruppe von Arbeitern des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA. An geheimem Ort, ohne Namen und Fotos, berichten die Männer vom Ausmaß des Niedergangs der letzten Jahre. Niemand darf offen darüber reden. Sie zeigen das Video, das ein Kollege an den verfallenen Anlagen gedreht hat. Dafür sitzt er jetzt im Gefängnis. Der Arbeiter Francisco erzählt:

"Der See ist total verseucht, weil seit Jahren nichts gegen die Verschmutzung getan wird. Die Docks verrotten, kaputte, gesunkene Schlepp- und Frachtschiffe liegen übereinander. Die Anlegestellen sind eine einzige Müllhalde, weil es keine Wartung gibt. PDVSA liegt am Boden. Das ist der Untergang."

Ölindustrie ein Schatten ihrer selbst

Die PDVSA-Arbeiter berichten von Korruption, Inkompetenz, Schlamperei und Lüge: Offiziell werden auf dem Maracaibo-See täglich mehr als 200.000 Barrel Öl gefördert. Es seien aber maximal noch 50.000, sind sich die Männer sicher. Zur Blütezeit, als PDVSA zu den erfolgreichsten Ölkonzernen der Welt gehörte, waren es 900.000 Barrel am Tag.

Verrottende Anlagen des Ölkonzerns PDVSA.
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Verrottende Anlagen des Ölkonzerns PDVSA.

Heute sind auf dem See nur noch etwa 10 von einst 250  Booten für Transport und Versorgung im Einsatz, und die hätten technische Probleme: Funk und Navigationssysteme funktionierten nicht, Batterien und Zubehör verschwänden, Beiboote für Erdgastanker hätten keine Löschsysteme mehr, obwohl mit hochexplosivem Gas gearbeitet wird.

PDVSA stehe praktisch still, sagt Francisco. "Wir Arbeiter könnten nicht einmal streiken, denn PDVSA ist ja schon lahmgelegt und produziert nichts mehr." Auch sein Kollege, José, erzählt con einer zusammengebrochenen Produktion.

"Früher hatten wir etwa 16 Bohrplattformen für die Erschließung neuer Quellen. Heute arbeitet keine einzige mehr. Aber die Arbeiter sind weiterhin vor Ort und werden bezahlt. Ich habe schon anderthalb Jahre nicht mehr gearbeitet und erhalte trotzdem meinen Lohn, auch wenn der eher symbolisch ist."

Vom Goldesel zum Selbstbedienungsladen

In der Hyperinflation entspricht sein Monatslohn etwa 10 US-Dollar. Das reicht für drei Kilo Mehl. Auch deshalb gebe es viel Diebstahl bei PDVSA, erzählen die Arbeiter. Schon vor mindestens 10 Jahren sei der Goldesel PDVSA zum Selbstbedienungsladen der Regierung verkommen, schimpft der frühere Chef der Erdölarbeitergewerkschaft Fedepetrol, Rafael Zambrano.

Der Ex-Gewerkschaftschef Rafael Zambrano.
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Der Ex-Gewerkschaftschef Rafael Zambrano.

Nach der Verstaatlichung der Erdölförderung hätten die regierenden Sozialisten nur noch abgeschöpft, um ihre Sozialprogramme zu finanzieren, aber nicht mehr investiert.

"Ohne Investitionen können Funktionsfähigkeit und Produktion nicht aufrechterhalten werden. Damit diese Industrie ihre Rentabilität zurückgewinnt, muss viel Ballast abgeworfen werden. Das Ziel eines Erdölunternehmens ist, Erdöl zu fördern und zu exportieren. Diese Regierung ist nicht in der Lage, die Erdölindustrie wieder auf Vordermann zu bringen, auch wegen der riesigen Verschuldung bei China, Russland und der Türkei."

Kredite zahlt Venezuela mit Öllieferungen ab. Rafael Zambrano schüttelt den Kopf über die Zerstörung von PDVSA. Die Regierung bestreitet etwa 90 Prozent ihrer Deviseneinnahmen aus Ölverkäufen.

Es schien wie eine unendliche Geschichte, weil Venezuela das Land mit den größten Erdölvorkommen weltweit ist. Aber heute sind die Kassen leer, PDVSA hoch verschuldet. In Maracaibo, der Millionenstadt am Seeufer, ist der wirtschaftliche Absturz auf Schritt und Tritt sichtbar.

Maracaibo - wie ausgestorben, weil kein Strom da ist.
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Maracaibo - wie ausgestorben, weil kein Strom da ist.

Kaum Strom und kein Leitungswasser

Weil sie seit Monaten kein Leitungswasser haben und der Strom nur noch stundenweise kommt, blockieren Einwohner eine Schnellstraße. Das ist nur einer von etwa 30 Protesten, die in Maracaibo täglich stattfinden. Auf der anderen Straßenseite steht eine kilometerlange Auto-Schlange an einer Tankstelle, die noch Benzin hat. Das wird für nicht messbare Eurocent-Beträge immer noch so gut wie verschenkt.

Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Hunderte mussten aufgeben, nachdem sie bei einem mehrtägigen Stromausfall Anfang März geplündert worden waren. Maracaibo gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den ersten Städten auf dem Kontinent mit elektrischem Strom. Heute werden die modernen Hochhäuser in den schwarzen Nächten der Stromausfälle unsichtbar. Die vielen Fischer, die von dem See leben, verlieren ihren Fang, weil ihre Kühlschränke nicht mehr funktionieren.

Viel Frust, wenig Hoffnung

In ihrem Viertel stehen sie auf der Straße, weil sie die Hitze in ihren Häuschen nicht aushalten. Als sie das ARD-Mikrophon sehen, beginnen sie aufgeregt zu schimpfen.

"Wir leiden Hunger", ruft eine Frau. "Nimm diese Bilder mit und zeig der Welt, was wir durchmachen - ohne Strom, seit Monaten ohne Wasser."

Der Fischer Joan Manuel Soto zerteilt seine Fische und legt sie in Salz ein.
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Der Fischer Joan Manuel Soto zerteilt seine Fische und legt sie in Salz ein.

Der Fischer Joan Manuel Soto zerteilt seine Fische und legt sie in Salz ein.

"Aus der Not heraus haben wir diese Methode wiederentdeckt. Wir salzen den Fisch und legen ihn in die Sonne zum Trocknen. So wird er haltbar. Strom für die Kühlschränke gibt es nicht. Oder wir selbst essen den Fisch sofort. Verkaufen können wir nichts. Das ist für uns nichts neues, sondern eine bittere Realität, in der wir leben. Wir sitzen häufiger im Dunkeln, als dass wir Licht haben. Wir sind praktisch ohne Energie. Der Strom wird hier schon lange rationiert, aber zuletzt kommt er nur noch selten. 14 Stunden ohne Strom und dann vielleicht wieder vier Stunden mit."

Maracaibo - eine Stadt im freien Fall

Maracaibo - einst Boomtown - heute: eine Stadt im freien Fall. Rodrigo Cabeza, Ex-Finanzminister der sozialistischen Regierung, lebt in Maracaibo und staunt täglich über den rasanten Zusammenbruch von lokaler Wirtschaft und Erdölindustrie:

"Als Ökonom habe ich die schwere Rezession kommen sehen. Aber ich muss zugeben, dass wir auf dieses Ausmaß der verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Zerstörung und diesen Einbruch der Einnahmen nicht vorbereitet waren. Noch weniger konnten wir uns vorstellen, dass die nationale Erdölförderung von drei Millionen Barrel täglich auf eine Million sinken würde."

Reformvorschläge sind ein politisches Todesurteil

Cabeza, der 2007 und 2008 Finanzminister war, flog 2016 aus der sozialistischen Partei, nachdem er Präsident Maduro Vorschläge für Wirtschaftsreformen unterbreitet hatte. Maduro bezeichnete ihn als "Neoliberalen", was einem politischen Todesurteil gleich kommt.

"Diese Regierung hat keinen wirtschaftlichen Plan, sonst hätte sie längst Anpassungen vorgenommen. Verantwortlich dafür ist Präsident Maduro. Die Jacke ist ihm zu groß. Niemand verlangt von einem Präsidenten, Experte für Wirtschaft zu sein. Aber er muss mit den besten Experten arbeiten, das tut er nicht. Die Wirtschaftspolitik ist ein Desaster, weil niemand Ahnung hat. Die Regierung ist für diese Leute nichts anderes als ein Instrument, um reich zu werden. Es dient ihnen, aber sie dienen nicht. Das Leiden des Volkes ist ihnen egal. Das ist kein Sozialismus."

Ölförderung am Maracaibo-See in Venezuela | Bildquelle: AFP
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Maracaibo - einst Boomtown, jetzt im freien Fall.

Viele Ex-Minister heute Regierungskritiker

Zu keinem Zeitpunkt in den 20 Jahren Regierungszeit der Sozialisten sei Venezuela sozialistisch gewesen, meint Ex-Minister Cabeza. So wie andere ehemalige Kabinettskollegen gehört er heute zur regierungskritischen Plattform zur Verteidigung der Verfassung, die unter anderem ein Referendum über die Zukunft Venezuelas fordert.

Im Machtkampf zwischen Regierung und Opposition könnten  die US-Sanktionen gegen Regierung und Erdölkonzern PDVSA eine entscheidende Rolle spielen, sagt er.

"Ohne Zweifel wirken sich die Sanktionen auf die venezolanische Wirtschaft aus. Allerdings nützen sie der Regierung als Ausrede. Vor 2017 gab es sie noch nicht, aber der Verfall war schon da. Durch das US-Öl-Embargo seit Januar werden die Einnahmen aus dem Öl in den nächsten drei Monaten stark einbrechen. Der einzige Markt, der noch bar bezahlt hat, ist der US-amerikanische, und der hat sich für uns geschlossen. Damit versiegt unsere wichtigste Devisenquelle und wir können nicht mehr importieren. In den nächsten Monaten wird die Lebensmittel- und Medikamentenversorgung noch schlimmer werden. Die Sanktionen sind ein Druckmittel des Auslands, um eine politische Lösung zu erzwingen."

US-Öl-Embargo ist umstritten

Das US-Öl-Embargo ist in Venezuela umstritten, weil es das Leiden der Bevölkerung verschärft. Die anonyme Gruppe von PDVSA-Arbeitern befürwortet aber die Sanktionen gegen ihren Arbeitgeber, wenn sie dazu dienen, den Ausweg zu beschleunigen, sagt etwa José.

"Wir können die Auswirkungen schon spüren. Aber im Konzern, bei PDVSA selbst, ist der Niedergang nichts Neues: Die Regierung selbst hat PDVSA mit einem Embargo belegt, indem sie das ganze Geld gestohlen hat. Draußen spüren wir die Sanktionen daran, dass es weniger Lebensmittel und Medikamente gibt. Die Schlangen an den Tankstellen werden länger. Die Sanktionen treffen uns. Aber nicht bei PDVSA. Der Konzern war ohnehin schon kaputt."

Das Öl-Embargo kann ihm nur noch den Todesstoß versetzen.

Eine verlassene Zementfabrik in Maracaibo.
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Eine verlassene Zementfabrik in Maracaibo.

Renten sind verschwunden

Vor dem PDVSA-Verwaltungsgebäude in Maracaibos Zentrum protestieren Rentner: Das Geld aus einem Dollar-Fond, den sie vor der schweren Krise jahrzehntelang angespart hatten, ist verschwunden. Niemand kommt vor die großen Tore, um ihre Fragen zu beantworten.

"Wir leben nicht wie Menschen," sagt einer. "Wir versuchen zu überleben, aber manche schaffen nicht einmal das. Die meisten meiner Angehörigen sind ins Ausland gegangen. Ohne ihre Überweisungen hätte man mich schon längst begraben können." Und ein anderer fügt an:

"Unser Krankenhaus ist sehr gut, aber es hat keine Medikamente mehr. Die einzige Apotheke, in der wir PDVSA-Rentner gratis Medikamente bekamen, wurde auch geschlossen, weil PDVSA nicht mehr zahlte. Als Diabetiker brauche ein Mittel, das es nur auf dem Schwarzmarkt für US-Dollar gibt. Meine Rente beträgt 36.000 Bolivares im Monat, etwa 10 Dollar. Das reicht für nichts, schon gar nicht um ein Medikament für 60.000 Bolivares zu kaufen."

Privatisierungen sollen die Rettung bringen

28.000 PDVSA-Rentner im ganzen Land teilen ihr Schicksal. In Maracaibo sind es 4000. Die Regierung sucht verzweifelt neue Abnehmer für das Öl des Staatskonzerns. Die Opposition plant schon für die Zukunft nach dem Machtwechsel: Privatisierungen sollen die Rettung bringen.

Enzio Angelini, Chef der Handelskammer Maracaibo erhält bereits Anrufe von interessierten ausländischen Investoren.

"Wir setzen darauf, dass es zu einem Wandel kommt, damit  das Land wieder aufersteht. Ich habe Vertrauen und hoffe, dass sich alles zum Guten wendet. Deswegen glaube ich an Maracaibo. Im Moment ist mein Glaube stärker denn je."

Noch besteht Angelinis Alltag allerdings daraus, den Niedergang zu dokumentieren: Schon 2011 begannen in Maracaibo die Stromausfälle, weil die staatliche Elektrizitätsgesellschaft ihre Anlagen nicht mehr pflegte.

Ruinen einer ehemaligen Reederei.
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Ruinen einer ehemaligen Reederei.

Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 50 Prozent

Die Arbeitslosigkeit, über die es von offizieller Seite seit Jahren keine Zahlen mehr gibt, liegt nach Angelinis Schätzungen bei mindestens 50 Prozent. Viele Arbeiter gehen nicht mehr aus dem Haus, weil sie sich in der Hyperinflation die Busfahrt entweder nicht leisten können oder weil es keinen Transport gibt. Von 12.000 Unternehmen sind nur 3000 übrig geblieben.

Der Niedergang von PDVSA hat die ganze Stadt in den Abgrund gezogen, so Angelini.

"Die großen Probleme begannen mit den Enteignungen vor etwa 10 Jahren. In Venezuela wurden zum Beispiel fünf Millionen Hektar landwirtschaflicher Flächen enteignet. Wo es früher Viehzucht und Milchwirtschaft gab, ist heute nichts mehr. Allein am Maracaibo-See wurden mehr als 80 Unternehmen enteignet. Praktisch alle wurden enteignet. Alle."

Maracaibo, ein Industrie-Friedhof

Am Ufer des Maracaibo-Sees liegt das Gelände einer enteigneten Reederei brach, die für PDVSA gearbeitet hat. Ihre kleinen Transportboote verrosten unter tropischer Sonne. Arbeiter sind weit und breit nicht zu sehen.

Nebenan stehen die Reste einer einst erfolgreichen Zementfabrik. Riesige Löcher klaffen in ihren Außenmauern. Unter staatlicher Führung arbeitete sie nicht mehr effizient. Maracaibo ist das dramatischste Ergebnis einer verfehlten Wirtschaftspolitik. Aus der blühenden Metropole, einst Symbol für Venezuelas Ölreichtum, ist ein Industrie-Friedhof geworden.

Maracaibos Untergang - Zusammenbruch der venezolanischen ÖlindustrieAnne-Kathrin
Anne-Kathrin Mellmann, ARD Mexiko Stadt
05.04.2019 14:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. April 2019 um 18:40 Uhr.

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