Ermittler in Schutzanzügen untersuchen die Gegend rund um das völlig ausgebrannte Autowrack, in dem Caruana Galizia ums Leben kam. | Bildquelle: REUTERS

Mord an Journalistin Caruana Plastiksprengstoff und viele Fragen

Stand: 18.10.2017 14:46 Uhr

Nach dem Anschlag auf die maltesische Journalistin Caruana Galizia werden Details bekannt: Vermutlich wurde Plastiksprengstoff unter ihrem Auto angebracht. Die 53-Jährige hatte sich während ihrer Karriere auch Feinde in der Politik gemacht. Führen Spuren in ihre Richtung?

Der tödliche Anschlag auf die international bekannte Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta wurde offenbar mit Plastiksprengstoff verübt. Das berichtete die Zeitung "Times of Malta" unter Berufung auf Polizeikreise. Die 53-Jährige war am Montag ums Leben gekommen - unter ihrem Wagen war laut ersten Ermittlungsergebnissen ein Sprengsatz angebracht worden. Dieser explodierte, kurz nachdem Caruana Galizia von ihrem Haus in der kleinen Ortschaft Mosta losgefahren war. Die Detonation war so stark, dass der Wagen auf das neben der Straße liegende Feld geschleudert wurde und komplett ausbrannte.

Laut Bericht kommerzieller Sprengstoff verwendet

Bei dem Sprengstoff soll es sich dem jüngsten Bericht zufolge um Semtex handeln. Dieser Sprengstoff wird auch bei kommerziellen Sprengungen verwendet. Neben den maltesischen Behörden beteiligen sich auch niederländische Einsatzkräfte und FBI-Mitarbeiter an den Ermittlungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich entsetzt über den gewaltsamen Tod der Journalistin und Bloggerin. Es sei eine Voraussetzung für das Funktionieren von Rechtsstaat und Demokratie, dass Journalisten ohne Bedrohung für Leib und Leben ihrer Arbeit nachgehen könnten, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Caruana Galizia machte sich mit Berichten Feinde in Politik

Caruana Galizia hatte sich mit ihrer investigativen Berichterstattung wiederholt mit den Mächtigen in der Politik Maltas angelegt, darunter auch Regierungschef Joseph Muscat. Mehreren seiner Mitarbeiter warf Caruana Galizia vor, Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu betreiben. Für internationales Aufsehen hatte die Journalistin mit ihren Recherchen zur Ehefrau des Premiers gesorgt. In den "PanamaPapers" hatte die Bloggerin entdeckt, dass über eine kleine Bank in Malta Geld aus Aserbaidschan an eine Firma floss, die Michelle Muscat gehörte. Ihr Mann musste daraufhin als Regierungschef Maltas zurücktreten und Neuwahlen ansetzen.

Und auch den maltesischen Oppositionsführer, Adrian Delia, griff Caruana Galizia an, indem sie ihm Verbindungen zu Drogengeschäften vorwarf. Unter anderem zitiert Caruana Galizia in ihrem Blog die Freundin eines Drogendealers mit den Worten: Die Frau des Oppositionsführers sei "wie eine Schwester für sie". Caruana Galizias Blog "Running Commentarys" gehört laut dem US-Magazin "Politico" zu den meistgeklickten Internetseiten Maltas. An manchen Tagen sei ihr Blog von 400.000 Menschen gelesen worden - Malta hat gerade einmal 440.000 Einwohner.

Immer wieder war Caruana Galizia wegen ihrer Berichterstattung angegriffen und bedroht worden. Vor etwa zwei Wochen wandte sie sich an die Polizei, weil sie Morddrohungen erhalten hatte.

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Forderung nach unabhängiger Untersuchung

Umso lauter werden nun die Forderungen aus der Politik, den Tod der Journalistin schnell und umfassend aufzuklären. Neben der Bundesregierung forderte auch den EU-Kommission, dass der Fall geahndet werde. Der Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, forderte eine unabhängige Untersuchung. "Wir verlangen Gerechtigkeit", schrieb Weber auf Twitter. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, Daniel Caspary, appellierte an die EU-Kommission, die Rechtsstaatlichkeit Maltas zu prüfen.

Innerhalb Maltas facht der Tod der Journalistin den Konflikt zwischen Regierung und Opposition weiter an. Nach dem Anschlag hatte Oppositionsführer Delia vom "schwersten politischen Mord seit 40 Jahren" gesprochen und den Rücktritt Muscats gefordert, da dieser nicht genügend Schutz für Caruana Galizia geboten habe. Auch einer der Söhne der Journalistin hatte den Regierungschef auf Facebook scharf angegriffen: Muscat und andere führende Politiker seien Komplizen und für das Geschehene verantwortlich

Muscat schiebt Verdacht in Richtung Opposition

In einem Interview mit der italienischen Zeitung "La Repubblica" ging Muscat nun auf Konfrontationskurs. Zwar wies er jegliche Spekulationen zurück, in der Frage nach den Schuldigen, sei es aber das "einfachste" für ihn, "mit dem Finger auf die Opposition zu zeigen". In ihren letzten Blogeinträgen hatte Caruana Galizia Oppositionschef Delia "Geldwäsche, Prostitution und mehr" vorgeworfen und geschrieben, sie habe Morddrohung von Oppositionsmitgliedern erhalten. Für ihn - Muscat - sei es "undenkbar, dass jemand wegen seines Jobs sterben muss".

Mit Informationen von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Oktober 2017 um 11:38 und 15:50 Uhr.

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