Daphne Caruana Galizia | Bildquelle: REUTERS

Ermordete Journalistin in Malta "Das war ein politischer Mord"

Stand: 17.10.2017 15:11 Uhr

Feinde hatte Caruana Galizia viele - doch für ihren Sohn trägt die Regierung Mitschuld an der Ermordung der Journalistin. Auch die Opposition spricht von einem politischen Mord. Die EU-Kommission fordert Aufklärung.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Seit Jahren lebte die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia gefährlich auf Malta. Schon 2006 zündeten unbekannte Täter ihr Auto an, nachdem sie über Korruption auf der Insel berichtet hatte. Vor zwei Wochen, so das staatliche Fernsehen, habe die Journalistin und Bloggerin sich an die Polizei gewandt, weil sie Morddrohungen erhalten hatte.

Immer wieder hatte sich die 53-Jährige mit den Mächtigen auf der Insel angelegt. Schockiert über ihren Tod ist unter anderem der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold. Caruana Galizia habe eine zentrale Rolle gespielt bei der Aufdeckung schwerwiegender Vorwürfe zu Geldwäsche und Korruption in Malta, so Giegold. Dabei sei es auch um Anschuldigungen gegen hochrangige Mitglieder der maltesischen Regierung gegangen.

Dubioses Finanzgebaren der Familie des Premier

Für internationales Aufsehen hatte Caruana Galizia mit ihren Recherchen zur Ehefrau des maltesischen Premierminister Joseph Muscat gesorgt. In den "PanamaPapers" hatte die Bloggerin entdeckt, dass über eine kleine Bank in Malta Geld aus Aserbaidschan an eine Firma floss, die Michelle Muscat gehörte. Ihr Mann musste daraufhin als Regierungschef Maltas zurücktreten und Neuwahlen ansetzen.

Nach dem Tod Caruana Galizias spricht Muscat nun von einem "schwarzen Tag für unsere Demokratie und unsere Meinungsfreiheit": "Alle sind schockiert über das, was hier in unserem Land passiert ist. Meine Verantwortung als Premierminister ist es, nicht nur mein Bedauern auszudrücken. Wir können in keiner Weise akzeptieren, was passiert ist." Der Ministerpräsident wies die Sicherheitskräfte des Landes an, die Täter zu finden und vor Gericht zu bringen.

Einer der Söhne Caruana Galizias erhebt in einem Facebook-Post heute schwere Vorwürfe gegen Muscat: Er und andere führende Politiker seien Komplizen. Sie seien für das Geschehene verantwortlich, so der Sohn der getöteten Bloggerin.

EU-Kommission macht Druck

Mit Entsetzen reagierte die EU-Kommission auf das Autobomben-Attentat. "Präsident Jean-Claude Juncker und die Kommission verurteilen diesen Anschlag mit den schärfstmöglichen Worten", sagte Chefsprecher Margaritis Schinas in Brüssel. "Wir setzen darauf, dass das geahndet wird." Die Behörden auf der Mittelmeerinsel müssten jetzt ihre Arbeit tun.

Als Zeichen der Anteilnahme und des Protests gingen heute auf Malta mehrere Tausend Menschen zu Mahnwachen auf die Straße. Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat eine Belohnung von 20.000 Euro ausgesetzt - für Hinweise auf die Drahtzieher des Mordes.

Bombe per Fernsteuerung gezündet

Nach den Angaben der Polizei kam die Journalistin durch eine unter ihrem Auto angebrachte Bombe ums Leben. Sie hatte sich gerade in ihrem Haus in der kleinen Ortschaft Mosta von ihren Kindern verabschiedet, war mit dem gemieteten Wagen losgefahren - dann ging der Sprengsatz hoch. Ausgelöst wurde die Explosion, so berichtet die italienische Zeitung "Corriere della Sera", durch eine Fernzündung. Die Detonation war so stark, dass der Wagen auf das neben der Straße liegende Feld geschleudert wurde und - mit Caruana Galizia auf dem Fahrersitz - komplett ausbrannte.

Ermittler laufen die Stelle des Anschlags ab | Bildquelle: REUTERS
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Das Auto wurde durch die Explosion von der Straße auf eine anliegende Wiese geschleudert.

Auch Maltas Oppositionsführer Adrian Delia zeigt sich betroffen vom Tod der Bloggerin. Was hier geschehen sei, kritisiert Delia, sei die Folge des Zusammenbruchs des Rechts auf Malta, das Premierminister Muscat zu verantworten habe. Der Politiker der konservativen Nationalist Party erhebt schwere Vorwürfe: "Das ist ein politischer Mord - der schlimmste der vergangenen 40 Jahre. Ich möchte der Familie des Opfers mein Beileid aussprechen."

Auch Opposition im Visier

Aber auch Delia selbst war in den vergangenen Wochen im Fokus der Recherchen von Caruana Galizia. Dem Oppositionsführer hatte sie Verbindungen zu Drogengeschäften vorgeworfen. Unter anderem zitiert Caruana Galizia in ihrem Blog die Freundin eines Drogendealers mit den Worten: Die Frau des Oppositionsführers sei "wie eine Schwester für sie".

Caruana Galizias Blog "Running Commentarys" gehört laut dem US-Magazin "Politico" zu den meistgeklickten Internetseiten Maltas. An manchen Tagen sei ihr Blog von 400.000 Menschen gelesen worden - Malta hat gerade einmal 440.000 Einwohner.

In den letzten Posts auf ihrer Internetseite klingt die engagierte Reporterin zunehmend verbittert. Den Oppositionsführer Delia attackierte sie noch am Tag vor ihrem Tod sehr persönlich, mokiert sich über seinen Haarschnitt, seine Manschettenköpfe und schreibt, er gucke wie eine Schildkröte. In ihrem letzten Post, den sie wenige Minuten vor ihrem Tod veröffentlichte, rechnet Caruana Galizia mit Muscats Kabinettschef Keith Schembri ab, Überschrift: "Der Betrüger Schembri behauptet vor Gericht kein Betrüger zu sein", heißt es dort. Die letzten Worte der Bloggerin: "Überall, wo man hinguckt, sind Betrüger. Die Situation ist zum Verzweifeln."

Über dieses Thema berichteten am 17. Oktober 2017 NDR Info um 12:38 und 15:38 Uhr, MDR aktuell um 14:21 Uhr sowie tagesschau24 um 15:30 Uhr in einem Schwerpunkt.

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