Al-Hassan Ag Abdoul Aziz Ag Mohamed Ag Mahmoud sitzt vor seinem Prozess im Gerichtssaal des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Archivbild. | Bildquelle: picture alliance / ANP

Prozess gegen Dschihadisten "Leiden bis heute an den Spätfolgen"

Stand: 14.07.2020 10:51 Uhr

Vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag hat der Prozess gegen den Dschihadisten-Anführer Al Hassan aus Mali begonnen. Er war maßgeblich an der Zerstörung der Wüstenstadt Timbuktu beteiligt.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Mit Hacken und Vorschlaghammern gehen die islamistischen Kämpfer 2012 auf die heiligen Grabstätten in der Oasenstadt Timbuktu los. Sie besetzen den Norden Malis, beginnen sofort damit, Grausamkeit durchzusetzen, was sie islamisches Recht nennen. Sie zerstören nicht nur Weltkulturerbe - sie verbieten Musik, Frauen müssen sich verhüllen, werden vergewaltigt und versklavt. Verstöße gegen die Glaubensvorstellungen der Islamisten werden hart von der Religionspolizei bestraft - zum Beispiel mit Peitschenhieben. 

Und ihr Chef soll er gewesen sein: Al Hassan Ag Abdoul Aziz Ag Mohamed Ag Mahmoud. Der Malier hat nicht nur einen langen Namen - lang ist auch die Liste der Anklagen, die vor dem Strafgerichtshof in Den Haag gegen den 43-Jährigen erhoben werden. Die gambische Chefanklägerin beim Internationalen Strafgerichtshof, Fatou Bensouda, verkündete schon 2018:

"Herr Al Hassan hat Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Timbuktu zwischen April 2012 und Januar 2013 begangen. Wir klagen an, dass Herr Hassan sowohl verantwortlich ist für Verfolgung aufgrund von Religion und Geschlecht, Vergewaltigung und sexuelle Sklaverei, verübt im Kontext von Zwangsheiraten, Folter und anderen unmenschlichen Taten, die extremes körperliches und seelisches Leid verursacht haben."

Obermauermeister Alassane Ramiya inspizert die Überreste von Gräbern in einem Mausoleum, nachdem es in Timbuktu, Mali, beschädigt wurde, Archivbild. | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
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Obermauermeister Alassane Ramiya inspiziert die Überreste von Gräbern. (Archivbild)

Chef der Religionspolizei

Laut Anklage war Al Hassan nicht nur für die Terrorgruppe Ansar Dine Chef der Religionspolizei, sondern auch an der Zerstörung der historischen Mausoleen und Moscheen in Timbuktu beteiligt. 2018 wird Al Hassan in Mali festgenommen. Mehr als sieben Jahre, nachdem Islamisten die malische Wüstenstadt Timbuktu zerstört und besetzt haben, beginnt nun sein Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Ousmane Touré kann sich noch gut an Al Hassan und das Leben erinnern, als seine Heimatstadt Timbuktu von den Islamisten eingenommen wurde, sagt er.

"Sie haben nicht toleriert, dass Männer und Frauen gemischt waren. Ob in der Schule, auf den Märkten - Männer und Frauen mussten getrennt sein. Sehr oft gab es dann Probleme bei der Religionspolizei, zum Beispiel, weil Männer auf Motorrädern eine Frau transportierten. Diejenigen, die das alles hier erlebt haben, leiden bis heute an den Spätfolgen - körperlich, psychisch. Es gibt welche, die nicht mehr nach Timbuktu zurück kommen können, weil sie so viel Angst haben."

Prozesse setzen wichtiges Zeichen

Mit Al Hassan steht bereits der zweite malische Islamist vor dem Strafgerichtshof in Den Haag. Vor vier Jahren verurteilte das Gericht bereits Ahmad al-Faqi al-Mahdi wegen der Zerstörung von Mausoleen und Moscheen in Timbuktu - zu neun Jahren Haft. Solche Prozesse setzen wichtige Zeichen für den Krisenstaat Mali, sagt der Sicherheitsexperte und Extremismusforscher Ali Tounkara aus der Hauptstadt Bamako.

"Ich denke, gerade die Malier aus dem Norden hoffen, dass der Prozess nicht nur ein erfolgreiches Ende findet, sondern auch daran erinnert, dass die Betroffenen, gerade in Nord-Mali, speziell in Timbuktu, immer noch auf Entschädigung warten. Der Prozess kann ein symbolischer Sieg sein, denn wenn man solch einen waschechten Islamisten auf der Anklagebank hat, zeigt das auch den Erfolg der verschiedenen politischen und militärischen Anstrengungen, die seit 2012 bis heute sich engagieren."

Und das ist wichtig. Denn viele Erfolge - gerade militärisch - sind in Mali nicht zu erkennen, auch wenn in jüngster Vergangenheit die Festnahme oder Tötung führender Extremisten gelungen ist. Die Sicherheitslage im Land spitzt sich trotz über zehntausend Soldaten und neuer aufgestockter Militärbündnisse - an denen auch die deutsche Bundeswehr beteiligt ist - weiter zu. 

Während viele Augen in Europa vermutlich Ali Hassans Prozess vor dem Strafgerichtshof in Den Haag verfolgen werden, zieht es viele Menschen in Mali wohl wieder auf die Straßen der Hauptstadt Bamako. Zu Massen demonstrieren sie seit Wochen und fordern wütend ein Ende der Gewalt im Land - und ihre Wut wächst.

Folter, Sklaverei, Vergewaltigung: Prozess gegen Dschihadist Al Hassan aus Mali beginnt
Dunja Sadaqi, ARD Rabat
14.07.2020 06:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2020 um 05:45 Uhr.

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