Der Bürgerrechtler Malcolm X im Jahr 1964. | AP

Zwei Verurteilte vor Entlastung Wende im Mordfall Malcolm X

Stand: 17.11.2021 21:58 Uhr

"Wer tötete Malcolm X?": So lautet der Titel einer Doku, die neue Ermittlungen zum Attentat auf den Bürgerrechtler ins Rollen brachte. Nun - 56 Jahre nach der Tat - soll die Verurteilung zweier Männer aufgehoben werden.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem tödlichen Attentat auf den US-Bürgerrechtler Malcolm X sollen zwei dafür verurteilte Männer entlastet werden. Wie der Staatsanwalt Cyrus Vance der "New York Times" sagte, sollen die Schuldsprüche gegen Muhammad A. Aziz and Khalil Islam annulliert werden.

Beide Männer waren 1966 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie verbrachten rund zwei Jahrzehnte im Gefängnis für ein Verbrechen, das sie nach den neuen Erkenntnissen nicht begangen hätten. "Diesen Männern ist nicht die Gerechtigkeit widerfahren, die sie verdient hatten", wird Vance zitiert. "Wir erkennen den Fehler, die Schwere des Fehlers an."

Via Twitter kündigte er später an, dass sein Büro, die auf die Aufklärung von Justizirrtümern spezialisierte Gruppe "Innocence Project" und eine Kanzlei die Verurteilungen aufheben würden. Weitere Details sollen am Donnerstag folgen.

Dokumentarfilm gab Anstoß zu Ermittlungen

Vorausgegangen waren der "New York Times" zufolge fast zwei Jahre andauernde Ermittlungen durch das Büro von Vance Jr. und den Anwälten von Aziz und Islam. Öffentlich räumte die Bezirksstaatsanwaltschaft ein, dass die erstmals Anfang 2020 von Netflix ausgestrahlte Dokumentation "Who Killed Malcolm X?" ("Wer tötete Malcolm X?") den Anstoß zu Erwägungen gegeben hatte, den Fall neu aufzurollen. Die Sendung spürt der Theorie von Forschern nach, wonach die damals Verurteilten unschuldig und die wahren Attentäter entkommen seien.

Bei den neuerlichen Ermittlungen wurde laut der Zeitung herausgefunden, dass Staatsanwälte, das FBI und die New Yorker Polizei nach der Ermordung von Malcolm X Beweismittel zurückhielten. Diese hätten demnach vermutlich zu einem Freispruch für Aziz und Islam geführt, die damals als Norman 3X Butler und Thomas 15X Johnson bekannt waren. Der heute 83-jährige Aziz wurde 1985 aus dem Gefängnis entlassen. Islam kam 1987 frei und starb 2009.

Wegen der Ermordung von Malcolm X im Jahr 1965 war im folgenden Jahr auch Thomas Hagan alias Mujahid Abdul Halim verurteilt worden. Dieser hatte in dem Prozess seine Schuld gestanden, die beiden anderen Männer aber als unschuldig bezeichnet. Der heute 80-Jährige kam 2010 auf freien Fuß. Alle Verurteilten hatten der muslimischen Schwarzen-Bewegung "Nation of Islam" angehört, mit der Malcolm X gebrochen hatte.

Zeuge stützt Alibi

Malcolm X war am 21. Februar 1965 bei einem Auftritt im New Yorker Stadtteil Harlem von drei Angreifern erschossen worden. Er galt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung der 1950er- und 1960er-Jahre. Er war aber auch nicht unumstritten, unter anderem, weil er einen Einsatz von Gewalt unter gewissen Umständen als rechtmäßig ansah.

In dem Mordfall identifizierte Hagan zwar zwei andere Männer als Schützen, doch wurde bisher niemand festgenommen. Nach dem Bericht der "New York Times" soll die Bundespolizei FBI im Besitz von Dokumenten gewesen sein, die auf andere Verdächtige hindeuteten. Ein noch lebender Zeuge stützte zudem das Alibi, mit dem Aziz seit seinem Prozess argumentiert hatte - nämlich dass er zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse auf Malcolm X mit einer Beinverletzung zu Hause gelegen habe.

Die neuen Untersuchungen brachten außerdem ans Licht, dass es den Staatsanwälten bekannt war, dass verdeckte Ermittler im Ballsaal waren, als das Attentat auf den Bürgerrechtler verübt wurde. Doch habe die Justiz dies nie offengelegt. Die Polizei habe zudem gewusst, dass jemand an jenem Tag bei der Zeitung "Daily News" angerufen und den Tipp gegeben habe, dass Malcolm X ermordet werden sollte. "Das war nicht nur ein Versehen", sagte Deborah Francois, die Anwältin von Aziz und Islam, der "New York Times". "Das war das Produkt eines extremen und krassen offiziellen Fehlverhaltens."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. November 2021 um 07:15 Uhr.