Porträt den französischen Politikers Macron | Bildquelle: AFP

Umfragehoch für "en marche" Warum Macron punktet

Stand: 20.03.2017 19:14 Uhr

Auch wenn sein Programm eher "work in progress" ist, feiern die Franzosen den unabhängigen Kandidaten Macron. Er ist jung, hört zu und verspricht Aufbruch. Das begeistert offenbar auch Kanzlerin Merkel.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Es sagt schon viel über einen französischen Politiker aus, wenn er seine Bewegung "en marche" nennt. "En marche", das heißt vorwärts, raus aus den alten Strukturen, es heißt schlicht Bewegung. Also genau das, was seit Jahren und Jahrzehnten in der französischen Politik fehlt. Das Erstarren der Parteien, die Verkrustung im Es-war-schon-immer-so-und-wird-immer-so-bleiben dieser elitären Politiker-Kaste, egal ob Sozialisten oder Konservative, hat ja letztlich zum Erstarken des rechtsextremen Front National geführt, der auch marschieren will, aber am liebsten zurück in die gute alte Zeit einer französischen Hegemonie napoeleonschen Ausmaßes - zurückgeworfen auf sich selbst und stolz darauf.

Merkel dankt mit einem Treffen

Das "en marche" des jungen, dynamischen und schlauen Emmanuel Macron setzt auf die gegenteilige Strategie. Macron, ein ehemaliger Investment-Banker mit kurzer, aber sozialistischer Regierungserfahrung, verkörpert das Gegenteil von Marine Le Pen. Er ist für Europa, und er ist Merkel-freundlich - die ihm das im übrigen mit einem Treffen dankt, das sie sonst ausländischen Politikern im Wahlkampf nur gewährt, wenn die der gleichen Parteienfamilie angehören wie sie selbst.

Macron ist jung, 39 Jahre, er blickt nicht auf ein langes Politikerleben zurück, das von Täuschungen und Enttäuschungen geprägt ist. Vielleicht hält das seine Begeisterung am Glimmen, die sich vor allem dann Bahn bricht, wenn er über Europa redet: seine Stimme fängt an zu vibrieren, sie überschlägt sich, wenn er seinen Anhänger zuruft: Wir lieben Europa!

Der einzige Ja-Sager in der französischen Politik hat natürlich nicht nur Freunde. Im Gegenteil: Franzosen, die seit Jahren die Krise genauso beklagen wie sie sie herbeireden, um sich dann über sie beklagen zu können, sehen sich ihres liebsten Themas beraubt: Wo kämen wir denn da hin, wenn wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten endlich einmal konstruktiv bekämpfen würden?

Macrons Programm? Eher "work in progress"

Was die Franzosen jedoch am meisten beunruhigt ist der "nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Zustand" des Kandidaten für die Präsidentschaftswahl. Bei Sozialisten, konservativen Republikanern und dem rechtsextremen Front National weiß jeder im Prinzip, woran er ist. Seit Jahren und Jahrzehnten. Bei Macron? Fragezeichen. Zwar hat er nun endlich ein Programm vorgestellt, aber das hört sich eher nach "work in progress" an. Alles verhandelbar, sogar die hochheilige 35-Stunden-Woche. Die Welt ist flexibel, warum nicht auch Frankreich.

Zumal sich Macron rückversichert hat: in zahllosen Meetings hat er die Franzosen zu Wort kommen lassen, ihre Ideen eingesammelt. Ziemlich schlau, den Wählern mit ihren Ideen statt mit abgehobenen Programmen zu kommen, wenn man weiß, dass Franzosen noch nie wirklich Programme gewählt haben, weil sie wissen: die Politiker halten sich ohnehin nicht daran. Macron und sein Projekt sind eine Projektionsfläche, das macht sie stark und angreifbar zugleich.

Für Frankreich ein Fortschritt

Noch überwiegt der Wunsch bei vielen Franzosen, dass mit einem neuen Mann vieles neu und anders werden könnte in der französischen Politik. Aber reicht das, um ihn das durch die letzten harten Präsidentschaftswahlkampfwochen zu bringen? Schon jetzt gräbt die Konkurrenz mit Hochdruck im tiefsten Schlamm, und versucht, dem Sonnyboy schmutzige Flecken zu verpassen und ihn endlich schachmatt zu setzen. Aber noch kann ihn niemand aufhalten. "En Marche" marschiert. Und wie es aussieht, wäre das für Frankreich ein großer Fortschritt.

En Marche - Frankreich marschiert zum Nationalfeiertag
B. Kostolnik, ARD Paris
20.03.2017 17:49 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. März 2017 um 07:05 Uhr

Darstellung: