Hans-Dietrich Genscher (l) und Theo Waigel (r) unterzeichnen am 7. Februar 1992 den Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht (Niederlande). | Bildquelle: picture alliance / dpa

25 Jahre Maastricht-Vertrag "Garantie gegen Krieg"

Stand: 01.11.2018 02:51 Uhr

Vor 25 Jahren machte der Vertrag von Maastricht die Europäische Gemeinschaft zur EU. Seine Gründungsväter schwärmen noch immer - Kritiker hingegen sehen darin den Grundstein der heutigen Krisen.

Von Axel John, SWR

Für die Bundesrepublik Deutschland unterschrieb Theo Waigel den Maastricht-Vertrag. Der damalige Bundesfinanzminister setzte gemeinsam mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher seine Unterschrift unter die für Europa historische Vereinbarung. Sie trat vor 25 Jahren, am 1. November 1993, in Kraft.

Waigel, der viele besondere Momente in seiner Laufbahn als CSU-Spitzenpolitiker erlebte, kann sich heute noch genau an diesen Moment erinnern - und gerät ins Schwärmen. "Mir war damals klar, dass das ein ganz besonderes Datum ist - vor allem für die Jugend unseres Kontinents", sagt er.

Aus der Europäischen Gemeinschaft wurde die Europäische Union. Damals bestand sie noch aus nur zwölf Staaten. Sie wollten politisch und wirtschaftlich zusammenwachsen. Im Vertrag von Maastricht wurden auch die Währungs- und Wirtschaftsunion festgelegt und damit der Weg zum Euro beschritten.

"Die Euromünze hat zwei Seiten"

Trotz vieler Krisen in den vergangenen 25 Jahren und der aktuellen Auseinandersetzungen um Flüchtlinge, den Brexit oder die Verschuldung Italiens habe sich der Maastrichter Vertrag bewährt, bilanziert Waigel: "Die Europäische Union ist die beste Garantie gegen jede kriegerische Auseinandersetzung. Ich fahre immer wieder zum Grab meines im zweiten Weltkrieg gefallenen Bruders im französischen Elsass. Junge Leute pflegen die Gräber auf dem Soldatenfriedhof", erzählt er sichtlich bewegt. "Sie legen dort immer wieder Euromünzen an das Grab, weil sie wissen, dass August Waigel mein Bruder ist."

Nach dem Blick in die Vergangenheit richtet Waigel den Blick in die Zukunft: "Die Euromünze hat zwei Seiten - eine nationale und eine europäische. Das zeigt gerade an einem solchen besonderen Ort, wie sehr wir in Europa miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind."

Waigel macht auch konkrete Vorschläge, um die derzeitigen Probleme zu lösen. Die EU brauche jetzt eine gemeinsame Flüchtlingspolitik und eine abgestimmte Entwicklungspolitik für Afrika. Bei der militärischen Zusammenarbeit müsse es zu einer besseren Koordinierung kommen. Das könne viel Geld sparen, rechnet der frühere erste Kassenwart Deutschlands vor.

Und: Die EU müsse in Südeuropa dringend die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen. Die EU dürfe keinesfalls zerfallen, mahnt der überzeugte Europäer Waigel: "Europa kann nur gemeinsam existieren, ansonsten wird es zu einem Spielball der USA und Chinas."

Gesine Schwan | Bildquelle: picture alliance / Carmen Jasper
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Gesine Schwan kandidierte zwei Mal für das Amt der Bundespräsidentin. Sie zieht eine negative Bilanz der 25 Jahre seit dem Maastrichter Vertrag.

Staaten kollabierten "wie Kartenhäuser"

Das Ziel eines geeinten Europa hat auch die Sozialdemokratin Gesine Schwan. Sie war zweimal Kandidatin für das Bundespräsidentenamt und lange Jahre Präsidentin der Europa-Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder.

Schwan räumt freimütig ein: "Am Anfang war mir die Tragweite des Maastrichter Vertrages gar nicht bewusst. Aber mit der Eurokrise und der Finanzmisere Griechenlands stand für mich fest: Maastricht ist ein Hauptgrund für das Auseinanderdriften Europas." Sie zieht eine bittere Bilanz.

Die Politikwissenschaftlerin wünscht sich weiter eine politische Union. Der Vertrag lege aber einen Standortwettbewerb fest, durch den die einzelnen EU-Mitgliedsländer versuchen, einander zu übertrumpfen. "Wir brauchen aber Kooperation statt Konkurrenz," fordert sie.

"Die Europawahlen können böse ausgehen"

Die Krisen der EU machen ihr große Sorgen, weil sich die Staaten aus ihrer Sicht immer weiter voneinander entfremden. Rechte Parteien würden das nutzen, Ressentiments schüren statt für Respekt zu sorgen, klagt Schwan. "Die Europawahlen im nächsten Mai können böse ausgehen. Manche politischen Prozesse entfalten eine ungeahnte Dynamik. Schon ganze Staaten sind wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen."

Dennoch sieht Schwan eine Lösung der vielfältigen Probleme. Statt einer EU der Staaten und der Politiker schlägt sie eine Union der Kommunen und der Bürger vor. Wie das konkret funktionieren soll? Schwan erklärt ihre Idee anhand der Flüchtlingskrise. Die EU solle ein gemeinsames Asylverfahren festlegen und eine verbindliche Verteilung. Den Rest sollten die Kommunen übernehmen. Aus einem EU-Fonds solle Geld direkt an Kommunen gehen, die Flüchtlinge integrieren wollen. Die Bürger vor Ort wüssten am besten, wie man Migranten in ihrem Umfeld helfen könne, so Schwan.

25 Jahre ist der Vertrag von Maastricht nun alt - Schwan und Waigel sind sich einig im Ziel des Zusammenwachsens, aber völlig konträrer Meinung über den richtigen Weg dorthin. Ein Sinnbild für die Schwierigkeit der europäischen Integration.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 10. Oktober 2018 um 08:10 Uhr.

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